Kuss-Sammlung (Kurzschluss)
Christof Stählin, Liedermacher und Essayist über den
Kurzschluß des Mundes mit dem Munde
Es ist ein Kurzschluß in dieser Frage, die mit dem Kuß selber eine unterirdische Verbindung haben muß, denn der Kuß ist der Kurzschluß des Mundes mit dem Munde selber, und zwar sowohl des eigenen mit dem eigenen als auch des fremden mit dem fremden, und dann noch beides doppelt durcheinander, nicht ohne daß das Fremde und das Eigene sich dabei auch selbständig machen und ohne den Mund auskommen könnten. Es wäre Sache eines Films, aus der Berührung zweier Münder dieselben Funken knistern zu lassen wie bei der kurzschlüssigen Berührung zweier elektrischer Pole, die bewirkt, daß der Strom nicht mehr weßiß, ob er jetzt daherkommt oder dahingeht, eine Unklarheit, die dem Kuß nicht fremd ist. Auch die Aufladungen und Erhitzungen dabei sind dieselben wie bei dem häuslichen Alltagsunfall, vor dem die Sicherungen uns schützen.
Das Wort Strom im elektrischen Sinn ist von Wasserläufen entlehnt, den alten Energiequellen. Als dritter Sinn des Wortes kommt zu Feuer und Wasser der Luftstrom als Vertreter des pneumatischen Elements. Es handelt sich dann im technischen Sinn um ein Gebläse mit Saug- und Druckluft. Wenn man aber ein Relais zwischen die unbeseelt-technische und die lebendig beseelte Welt, die der ersten ihren sprachlichen Geist eingehaucht hat, in Anschlag bringt und einschaltet (verstaubt und halb vergessen, aber vorhanden), dann führt das an unerwarteter Stelle zum Kuß.
Die Eskimos küssen sich mit den Nasen, und zwar, wenn man der übereinstimmenden Auskunft verschiedener Nachschlagewerke glauben darf, nicht wegen der höheren Sensibilität dieses Organs, sondern wegen des Austauschs der Lebensströme im Atem und damit der Geister, die durch den Mund aus und ein gehen. Der Atem, als das, was nach dem Tod auf einmal nicht mehr da ist, ist in der natürlichen Weltsicht das Leben selber, das man sich beim Küssen einhaucht und austauscht. Vielleicht — wie wollte man dem nachgehen? — ist der Kuß als Berührung der Münder in seinem magischen Ursprung ebenso als Austausch an der Mündung der Lebensgeister empfunden worden, eine spirituelle Mund-zu-Mund-Beatmung, von der die Begeisterung zweier Körper füreinander bis heute geblieben ist, nur eben nicht mehr durch die Luft, sondern über das Gefühl.
Es gibt eine ägyptische Darstellung des Königspaares Nofretete und Echnaton, die sich auf einem Streitwagen stehend küssen. Der Sonnengott Aton schickt von oben seine Strahlen auf die Szene, wobei jeder Strahl vorne mit einem Händchen ausgerüstet ist, um seine segnende Wirkung zu entfalten. Ein solcher griffbegabter Strahl streckt das Lebenszeichen zwischen die Münder des Paares, die sich nicht oder noch nicht berühren, um ihm Platz zwischen sich zu lassen. Das ägyptische Wort für "Küssen" steht auch für "Riechen", also die sinnliche Wahrnehmung beim Atmen, und so wird auf diese Weise das Lebenszeichen im Bild gleichsam zum Kuß selber: Ich kann dich riechen, du bist mein Leben.
Das eskomoische Kußorgan der Nase ist beim Undkuß zwar störend im Wege, ist aber gerade als Hindernis wichtig. Denn sie macht eine wechselseitige Drehung der Köpfe notwendig, und spielt damit die gleiche Rolle wie das Kreuz bei einem alten Anker. Das war eine Art Sperrstange, die auf einer Frontalansicht nur als Punkt erscheint, weil sie wie eine Nase zum Betrachter hin aus dem Bild herausragt. Sie war dazu da, das bloße Entlangschleifen des Gerätes auf dem Meeresgrund zu verhindern, um es wie einen Kopf beim Kuß zu verdrehen und den Bogen mit den Schaufeln daran so aufzustellen, daß dieser sich in den weichen Grund eingraben und damit den stabilisierenden Zweck erfüllen konnte, der dem ganzen Vorgang zu seiner Berechtigung verhalf. So verankern uns auch die Nasen beim Kuß, indem sie uns Sicherheit geben. Nur küssend wissen wir ganz genau, daß und wie wir den Mund halten sollen.
Nur eben, daß beim Kuß wiederum zwei Anker miteinander zu tun haben, zwei Meeresgründe aufgewühlt werden, und jeder Mund beides ist. Es ist wie beim Siegeln: der Mund ist der weiche, warme Siegellack und das Petschaft in einem. Der Wärme des Materials steht die kühle Prägung der Gravur gegenüber, und tatsächlich: der Mundkuß als bedeutungsvoller Akt der Besiegelung und als Signal für Bündnis und Zusammengehörigkeit ist so alt, wenn nicht älter als unser so ganz erotisch geprägter Begriff davon. Wo er uns heute am harmlosesten scheint, war er früher am heiligsten; mit seinem sexuellen Gewicht im öffentlichen Bewußtsein ist es, historisch gesehen, nicht weiter her als mit dem Gewicht der Sexualität im Bewußtsein der Öffentlichkeit, also nicht sehr weit. Als Requisit körperlicher Liebe hat er sich, gesellschaftlich gesehen, in unserem Kulturbereich aus der Intimität des Inneren an das Allgemeine ausgestülpt wie der Mund selber aus dem Körper, als wäre es zur Selbstwahrnehmung einer gefühllos-anonymen Öffentlichkeit durch Kontakt mit ihren inneren Bestandteilen.
Der Kußmund als Abdruck, dieses faltenreiche rote Lippengespenst aus dem Reiche der Aufklebbarkeit, wirkt aus dem Sinnlichen schon wieder zurück auf das Symbolische, wo der Kuß früher viel mehr zu Hause war als heute, um Zuneigung, Sympathie und Bevorzugung vor anderen zu bedeuten, wie sie durchaus auch einer ganzen Stadt gelten können, als wäre sie eine Person, etwa Bonn. Im Kuß, wo sich so vieles verschränkt, verschränkt sich auch ein Symbol für körperliche Liebe mit der körperlichen Liebe als einem Symbol. Symbol für "Ich lehne dich nicht ab", was über die Welt eines Liebespaares, vom Personalstand her gesehen, weit hinausweisen kann.
Den Lebensatem zu teilen, das taten auch zwei Häuptlinge stellvertretend für ihre Völker, indem sie die Freidenspfeife rauchten. Sie wanderte von einem zum andern und war wie ein Kuß zum Anfassen und Weiterreichen, eine Besiegelung unter aufsteigendem Rauch von großer Heiligkeit und Bedeutung.
Eine Zigarette zusammen zu rauchen, das kann selbst noch in unserer profanen Welt mehr bedeuten als Entspannung und Nikotingenuß. Sogar Rauchen allein, mit all der Lippentätigkeit dabei, ist unschwer als etwas Erotisches aufzufassen. Noch mehr: auch das Rauchverbot, in einem Großraumbüro etwa, ist noch ein Hinweis auf die Luft, die wir noch alle gemeinsam atmen, wenn sich dabei auch die Bedeutung des Nichtrauchens in die frühere des Rauchens verwandelt hat.
(Quelle: Christof Stählin, Liedermacher und Essayist, wendet sich vorzugsweise Gegenständen zwischen Poesie, Geschichte und Physik zu. Seine Aufsätze sind verlegt bei Haffmans, Zürich.
Redaktion: Ruprecht Skasa-Weiß)
Kurzschluß des Mundes mit dem Munde
Es ist ein Kurzschluß in dieser Frage, die mit dem Kuß selber eine unterirdische Verbindung haben muß, denn der Kuß ist der Kurzschluß des Mundes mit dem Munde selber, und zwar sowohl des eigenen mit dem eigenen als auch des fremden mit dem fremden, und dann noch beides doppelt durcheinander, nicht ohne daß das Fremde und das Eigene sich dabei auch selbständig machen und ohne den Mund auskommen könnten. Es wäre Sache eines Films, aus der Berührung zweier Münder dieselben Funken knistern zu lassen wie bei der kurzschlüssigen Berührung zweier elektrischer Pole, die bewirkt, daß der Strom nicht mehr weßiß, ob er jetzt daherkommt oder dahingeht, eine Unklarheit, die dem Kuß nicht fremd ist. Auch die Aufladungen und Erhitzungen dabei sind dieselben wie bei dem häuslichen Alltagsunfall, vor dem die Sicherungen uns schützen.
Das Wort Strom im elektrischen Sinn ist von Wasserläufen entlehnt, den alten Energiequellen. Als dritter Sinn des Wortes kommt zu Feuer und Wasser der Luftstrom als Vertreter des pneumatischen Elements. Es handelt sich dann im technischen Sinn um ein Gebläse mit Saug- und Druckluft. Wenn man aber ein Relais zwischen die unbeseelt-technische und die lebendig beseelte Welt, die der ersten ihren sprachlichen Geist eingehaucht hat, in Anschlag bringt und einschaltet (verstaubt und halb vergessen, aber vorhanden), dann führt das an unerwarteter Stelle zum Kuß.
Die Eskimos küssen sich mit den Nasen, und zwar, wenn man der übereinstimmenden Auskunft verschiedener Nachschlagewerke glauben darf, nicht wegen der höheren Sensibilität dieses Organs, sondern wegen des Austauschs der Lebensströme im Atem und damit der Geister, die durch den Mund aus und ein gehen. Der Atem, als das, was nach dem Tod auf einmal nicht mehr da ist, ist in der natürlichen Weltsicht das Leben selber, das man sich beim Küssen einhaucht und austauscht. Vielleicht — wie wollte man dem nachgehen? — ist der Kuß als Berührung der Münder in seinem magischen Ursprung ebenso als Austausch an der Mündung der Lebensgeister empfunden worden, eine spirituelle Mund-zu-Mund-Beatmung, von der die Begeisterung zweier Körper füreinander bis heute geblieben ist, nur eben nicht mehr durch die Luft, sondern über das Gefühl.
Es gibt eine ägyptische Darstellung des Königspaares Nofretete und Echnaton, die sich auf einem Streitwagen stehend küssen. Der Sonnengott Aton schickt von oben seine Strahlen auf die Szene, wobei jeder Strahl vorne mit einem Händchen ausgerüstet ist, um seine segnende Wirkung zu entfalten. Ein solcher griffbegabter Strahl streckt das Lebenszeichen zwischen die Münder des Paares, die sich nicht oder noch nicht berühren, um ihm Platz zwischen sich zu lassen. Das ägyptische Wort für "Küssen" steht auch für "Riechen", also die sinnliche Wahrnehmung beim Atmen, und so wird auf diese Weise das Lebenszeichen im Bild gleichsam zum Kuß selber: Ich kann dich riechen, du bist mein Leben.
Das eskomoische Kußorgan der Nase ist beim Undkuß zwar störend im Wege, ist aber gerade als Hindernis wichtig. Denn sie macht eine wechselseitige Drehung der Köpfe notwendig, und spielt damit die gleiche Rolle wie das Kreuz bei einem alten Anker. Das war eine Art Sperrstange, die auf einer Frontalansicht nur als Punkt erscheint, weil sie wie eine Nase zum Betrachter hin aus dem Bild herausragt. Sie war dazu da, das bloße Entlangschleifen des Gerätes auf dem Meeresgrund zu verhindern, um es wie einen Kopf beim Kuß zu verdrehen und den Bogen mit den Schaufeln daran so aufzustellen, daß dieser sich in den weichen Grund eingraben und damit den stabilisierenden Zweck erfüllen konnte, der dem ganzen Vorgang zu seiner Berechtigung verhalf. So verankern uns auch die Nasen beim Kuß, indem sie uns Sicherheit geben. Nur küssend wissen wir ganz genau, daß und wie wir den Mund halten sollen.
Nur eben, daß beim Kuß wiederum zwei Anker miteinander zu tun haben, zwei Meeresgründe aufgewühlt werden, und jeder Mund beides ist. Es ist wie beim Siegeln: der Mund ist der weiche, warme Siegellack und das Petschaft in einem. Der Wärme des Materials steht die kühle Prägung der Gravur gegenüber, und tatsächlich: der Mundkuß als bedeutungsvoller Akt der Besiegelung und als Signal für Bündnis und Zusammengehörigkeit ist so alt, wenn nicht älter als unser so ganz erotisch geprägter Begriff davon. Wo er uns heute am harmlosesten scheint, war er früher am heiligsten; mit seinem sexuellen Gewicht im öffentlichen Bewußtsein ist es, historisch gesehen, nicht weiter her als mit dem Gewicht der Sexualität im Bewußtsein der Öffentlichkeit, also nicht sehr weit. Als Requisit körperlicher Liebe hat er sich, gesellschaftlich gesehen, in unserem Kulturbereich aus der Intimität des Inneren an das Allgemeine ausgestülpt wie der Mund selber aus dem Körper, als wäre es zur Selbstwahrnehmung einer gefühllos-anonymen Öffentlichkeit durch Kontakt mit ihren inneren Bestandteilen.
Der Kußmund als Abdruck, dieses faltenreiche rote Lippengespenst aus dem Reiche der Aufklebbarkeit, wirkt aus dem Sinnlichen schon wieder zurück auf das Symbolische, wo der Kuß früher viel mehr zu Hause war als heute, um Zuneigung, Sympathie und Bevorzugung vor anderen zu bedeuten, wie sie durchaus auch einer ganzen Stadt gelten können, als wäre sie eine Person, etwa Bonn. Im Kuß, wo sich so vieles verschränkt, verschränkt sich auch ein Symbol für körperliche Liebe mit der körperlichen Liebe als einem Symbol. Symbol für "Ich lehne dich nicht ab", was über die Welt eines Liebespaares, vom Personalstand her gesehen, weit hinausweisen kann.
Den Lebensatem zu teilen, das taten auch zwei Häuptlinge stellvertretend für ihre Völker, indem sie die Freidenspfeife rauchten. Sie wanderte von einem zum andern und war wie ein Kuß zum Anfassen und Weiterreichen, eine Besiegelung unter aufsteigendem Rauch von großer Heiligkeit und Bedeutung.
Eine Zigarette zusammen zu rauchen, das kann selbst noch in unserer profanen Welt mehr bedeuten als Entspannung und Nikotingenuß. Sogar Rauchen allein, mit all der Lippentätigkeit dabei, ist unschwer als etwas Erotisches aufzufassen. Noch mehr: auch das Rauchverbot, in einem Großraumbüro etwa, ist noch ein Hinweis auf die Luft, die wir noch alle gemeinsam atmen, wenn sich dabei auch die Bedeutung des Nichtrauchens in die frühere des Rauchens verwandelt hat.
(Quelle: Christof Stählin, Liedermacher und Essayist, wendet sich vorzugsweise Gegenständen zwischen Poesie, Geschichte und Physik zu. Seine Aufsätze sind verlegt bei Haffmans, Zürich.
Redaktion: Ruprecht Skasa-Weiß)
rosenherz - 5. Jan, 12:06


