Gentechnik

Mittwoch, 20. Dezember 2006

Gen-Revolution in der Landwirtschaft auf dem Prüfstein

Gentechnik in der Landwirtschaft – eine Patentlösung gegen wirtschaftliche und soziale Probleme der LandwirtInnen und der Armen dieser Welt? Die „Life Science“ -Konzerne versprechen damit den Durchbruch gegen Hunger und Mangelernährung. Stehen also Gentechnik-KritikerInnen der Hungerbekämpfung im Wege?

Eines muss klar sein: Der Anbau von genmanipulierten (GM) Pflanzen braucht Voraussetzungen wie die Grüne Revolution: Abschied von traditionellem Saatgut, Monokulturen, intensiven Chemie-Einsatz, intensive Bewässerung. Die Erfahrung hat gezeigt, dass sich diese Bedingungen sowohl negativ auf die Existenz der Kleinbäuerinnen und –bauern als auch auf die Umwelt, insbesondere die Grundlage der Welternährung, die agrobiologische Vielfalt, auswirkten. Die Folgen waren u.a. erneute Armut und Mangelernährung, insbesondere bei Frauen. Traditionelles Wissen und Saatgut, zum Großteil von Frauen über Jahrhunderte hinweg in kreativer Kulturarbeit entwickelt, wurden verdrängt. Nahrung, die Frauen für ihre Familien anbauten, herstellten und sammelten, ging verloren.

Von der Anwendung der Gentechnologie in der Landwirtschaft muss eine Fortsetzung dieser Probleme befürchtet werden. Zudem wird GM-Saatgut von Großkonzernen produziert, patentiert und nach den Regeln der Gewinnmaximierung vertrieben. Für die AnwenderInnen im Süden wie im Norden bedeutet das Mehrkosten, Abhängigkeit von der Industrie und Einschränkungen in ihrer gewohnten Nutzung und Weiterentwicklung der biologischen Vielfalt.

Neben Umweltverschmutzung durch Agrochemikalien und der zunehmenden Bewässerungsproblematik bringen GM-Pflanzen zusätzlich die Gefahr der genetischen Kontamination der Umgebung mit sich. Wieder sind Vielfalt an Pflanzensorten und die Landwirtschaft der Kleinbäuerinnen und –bauern gefährdet. Eine Studie im Auftrag des Umweltressorts des Landes Oberösterreich und des Bundesministeriums für soziale Sicherheit und Generationen ergab im Mai 2002, dass es keine GM-freie Zonen, die kleiner als Österreich sind, geben kann. Denn bei einer Anwendung von GM-Saatgut in Österreich könnte infolge der festgestellten Reichweite des Pollenflugs und der dementsprechenden Kontaminationsgefahr kein landwirtschaftlicher Betrieb in Österreich mehr GM-Freiheit derselben Pflanzenart garantieren könnte. Biolandbau wäre somit nicht mehr möglich.

Der überwiegende Großteil der bisher angebauten GM-Pflanzen besteht aus ökologisch äußerst bedenklichen herbizidresistenten Pflanzen. Einen kleineren Teil machen Pflanzen mit einem Bakterien-Gen für ein natürliches Insektizid aus. Sie sind ebenfalls problematisch, nicht nur, weil dieses Insektizid nun in Nahrungsmitteln enthalten ist, sondern auch, weil sie nützliche Insekten töten und zu Resistenzen von Schädlingen führen. Ebenso gefährden sie den moderaten nachhaltigen Einsatz der Bakterien im Biolandbau. Diese beiden großen GM-Pflanzengruppen tragen nichts zur globalen Ernährungssicherung bei, im Gegenteil, wie das Beispiel Argentinien zeigt:

In den letzten zehn Jahren stieg Argentiniens Anteil an herbizidresistentem GM-Soja auf über 99% der argentinischen Soja-Produktion. In einer Studie vom Jänner 2005 dokumentiert Charles Benbrook nicht nur besorgniserregende ökologische Auswirkungen durch neue Waldrodungen und enormen Verbrauch an Agrochemikalien, sondern auch eine gravierende Ausbreitung des Hungers infolge dieses rasanten Anstiegs. Von 1996 bis 2004 stieg die angewendete Gesamtmenge am umweltschädlichen Breitbandherbizid Glyphosat („Roundup“) auf das 56-Fache. Die zunehmenden Resistenzen von Wildpflanzen gegen das Herbizid führten zur Erhöhung der Giftdosis um 58% pro ha. Die Böden verarmten an Nährstoffen, die bakterielle Stickstoff-Fixierung wurde gestört. Beides bewirkte einen erhöhten Befall durch Schädlinge und Krankheiten und einen geringeren Proteingehalt der Sojabohnen.

Das argentinische Soja wird zu 91% für den Export produziert . Seit 1996 wurde dafür die Sojaanbaufläche nicht nur durch Rodungen um das Äquivalent der Fläche Österreichs erweitert. Die Anbauflächen für Argentiniens Ernährung wurden dementsprechend reduziert – für Weizen, Mais, Sonnenblumen und Hirse um 25%, für Reis, Bohnen, Hafer und Baumwolle um 7%, für Heu und Weideland um 27%. Auch die Produktion von Fleisch, Milch und Eiern ging zurück. KleinbäuerInnen verloren ihre Existenz und wurden in die Armut gedrängt. Ergebnis: Im Zeitraum der größten Ausdehnung der GM-Soja-Produktion zwischen 1996 und 2002 hat sich die Anzahl der ArgentinierInnen ohne Zugriff auf Grundnahrungsmittel mehr als verdoppelt, und zwar von 3,7 auf 8.7 Millionen! Gentechnik als Beitrag zum Hunger also.

Der so genannte „Golden Rice“ – golden farbiger GM-Reis mit Provitamin A in den polierten Körnern – geht anders am Problem des Hungers vorbei. Propagiert wird er als Mittel zur Bekämpfung von Vitamin A-Mangel in Ländern, in denen Reis das Grundnahrungsmittel ist. Doch Vitamin A-Mangel ist nur ein kleiner Teil eines Verteilungsproblems, das die Grüne Revolution mitverursacht hat. „Golden Rice“ könnte bestenfalls punktuell und minimal zur Linderung von Vitamin A-Mangel bei Menschen, denen noch viel mehr an Nährstoffen fehlt, beitragen. Sein Einsatz ist aber mit einer Reihe von Risiken – auch gesundheitlicher – verbunden, und ob er die Mangelernährten je erreichen kann, ist höchst fraglich. Er würde sogar umfassende nachhaltige Lösungswege auf der Basis von Empowerment und kleinbäuerlicher Landwirtschaft, die zu einer insgesamt ausgewogenen Ernährung führen können, verhindern, also Armut, Hunger und Abhängigkeit perpetuieren.

Selbst im El Dorado des GM-Saatgut, in den USA mit seinen GM-Subventionen in Milliardenhöhe, regen sich kritische Stimmen auf höchster Ebene. Ein Bericht des US Department of Agriculture (USDA) vom Juli 2002 entlarvte die angeblichen ökonomischen Vorteile von GM-Saatgut als Mythos. Das USDA fand im allgemeinen enttäuschende agronomische Leistungen, Störungen anderer als der angepriesenen Aspekte der Pflanzenfunktion, bei GM-Soja sogar eine Verringerung des tatsächlichen Ertragspotentials gegenüber konventionellem Soja-Saatgut. Die meisten der ökonomischen Behauptungen stellten sich als falsch oder zweifelhaft heraus. Dass die FarmerInnen trotzdem von den wirtschaftlichen Vorteilen überzeugt waren, führte das USDA auf den enormen Marketing- und Werbe-Druck zurück.

Gentechnik in der Landwirtschaft ist also eine aufwändige und vielfältig riskante Hochtechnologie in der Hand von Großkonzernen mit Monopolambitionen am Nahrungsmarkt. Noch ist viel zu wenig darüber bekannt, um die ökologischen, gesundheitlichen und sozio-ökonomischen Auswirkungen in vollem Ausmaß abschätzen zu können, jedoch genug, um bereits vor etlichen negativen Auswirkungen zu warnen. Sicher ist auch, dass GM-Saatgut den idealen Bedingungen der industriellen Landwirtschaft und nicht denen der kleinen, schon gar nicht der bergbäuerlichen Betriebe angepasst ist. Aber gerade die vielfältige und höchst produktive kleinbäuerliche Landwirtschaft wäre ein Weg aus dem Teufelskreis von Armut, Mangelernährung, abnehmender Sortenvielfalt und „BäuerInnen-Sterben“. Dort wären Forschungsgelder sinnvoller angelegt als für Jahrzehnte lange Gentech-Forschung wie im Falle des „Golden Rice“.

(c) Eva Lachkovics
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Keine Legobausteine

Wären Lebewesen so simpel, wie die Gentechindustrie behauptet,
dann wären gentechnisch veränderte Pflanzen kein Problem.


In den letzten Jahren hat sich immer deutlicher gezeigt, dass das simple Verständnis des Erbguts als Baukastensystem revidiert werden muss. Das derzeit in der Wissenschaft noch bestehende Dogma, einzelne Gene könnten über die Artengrenze hinweg verschoben werden und behielten dabei ihre Funktion unverändert bei, basiert auf falschen Vorstellungen. Gene sind keine Legobausteine: Sie sind ambivalent und dynamisch, kommunizieren und interagieren mit andern Genen und Molekülen und unterliegen komplexen Regulationsmechanismen. Dabei spielt auch die so genannte Epigenetik eine weitaus grössere Rolle als lange Zeit angenommen. Die Epigenetik ist ein "übergeordnetes" Informationssystem. Mit Hilfe dieses Systems kann die Zelle die Aktivität der Gene regulieren; sie kann Gene an- oder abschalten oder sie gar verändern. "Die heutigen Produkte der Gentechnik sind auf dem Niveau einer Dinosauriertechnologie". So die Einschätzung des Molekularbiologen Cesare Gessler von der ETH Zürich. "Wir benutzen artfremde Gene; wissen nicht, wo im Genom diese eingebaut sind oder was sonst in der ganzen Kette vom Gen bis zum Protein verändert wird. Wir wissen nicht, in welche Regulationszusammenhänge wir eingreifen", meint der Pflanzenexperte. Weil noch so viele offene Fragen bestehen, hält es Gessler für falsch, die heutigen transgenen Pflanzen freizusetzen. Das sei auch noch nicht nötig, denn vorgängig brauche es noch sehr viel Forschung im Gewächshaus: «Erst wenn alles funktioniert und wir alles getestet haben, können wir etwas aufs Feld bringen. Soweit sind wir noch lange nicht", ist Gessler überzeugt. Er plädiert dafür, das große genetische Wissen für das so genannte Marker Assisted Breeding zu verwenden, also zur Verwendung von Genmarkern bei der konventionellen Züchtung. So könne schneller und präziser gezüchtet werden. Er selbst verwendet diese Technik zur Apfelzüchtung. Die gentechnische Übertragung arteigener Gene hält sich Gessler als Zukunftsvision offen.

Auch der Molekulargenetiker Marcello Buiatti von der Uni Florenz betont, dass die Wissenschaft bei der Erforschung epigenetischer Mechanismen am Anfang stehe. Epigenetische Veränderungen spielten bei Pflanzen eine noch viel grössere Rolle als bei Tieren oder Menschen, meint Buiatti: "Verschiedene Zellen einer Pflanze haben beispielsweise nicht notwendigerweise - so wie es normalerweise bei den Tieren der Fall ist - denselben Genotyp, das heisst die selben Gene. Gewebe in ein und derselben Pflanze haben unterschiedlich viele Chromosomen, tragen unterschiedlich mutierte Gene und weisen häufig auch noch verschiedene Varianten der selben Gene auf. So können Pflanzen zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens und unter verschiedenen Umweltbedingungen die gerade vorteilhafte Variante auswählen; ihr Reservoir an Varianten ist viel grösser als das von Tieren." Das mache gentechnische Veränderungen bei Pflanzen noch unberechenbarer.

Bisher gibt es kaum Studien zu den unerwünschten Auswirkungen epigenetischer Veränderungen. Das erstaunt den Molekularbiologen Gilles-Eric Seralini von der Uni Caen, in Frankreich, nicht. Seralini gehört unter anderem zwei französischen Regierungskommissionen zur Risikobewertung gentechnisch veränderter Pflanzen an. Er sagt, dass zur Herstellung von gentechnisch veränderten Pflanzen viele Versuche unternommen werden müssten, und nur bei ganz wenigen funktioniere die Genübertragung auch. Etwa 98 Prozent aller transgenen Pflanzen funktionierten nicht, aus vielerlei Gründen. Diese würden einfach weggeworfen und nicht weiter untersucht. «Man findet also sehr wenige Studien zum Thema. Deshalb sollten wir uns bewusst sein, dass die Untersuchungen zur Zusammensetzung gentechnisch veränderter Organismen bei weitem nicht ausreichen, um die Toxizität oder irgendwelche unerwarteten Effekte solcher Pflanzen vorhersagen zu können.» Seralini weist auf ein weiteres Problem hin: Fast hundert Prozent aller gentechnisch veränderten Pflanzen tolerieren Herbizide oder produzieren Pestizide. Und es ist ein einziges Herbizid - Roundup Ready von Monsanto - gegen das 75 bis 80 Prozent all dieser Pflanzen resistent gemacht wurden. Das Herbizid sei nicht harmlos: «Wir konnten in unserm Labor zeigen, dass menschliche Plazentazellen sehr empfindlich auf Roundup Ready reagieren, selbst bei niedrigerer Konzentration als in der landwirtschaftlichen Anwendung. Dies könnte Fehl- und Frühgeburten bei nordamerikanischen Bäuerinnen erklären. Wir haben auch andere Auswirkungen festgestellt.» Seralini schlägt vor, dass GVO ebenso wie Pestizide auf ihre Toxidität hin geprüft werden sollten. «Ich meine, es ist idiotisch, den Menschen während des ganzen Lebens GVO zu geben, während nicht einmal Toxiditätstests für drei Monate vorgeschrieben sind."


(c) Florianne Koechlin
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