Briefe

Donnerstag, 21. Dezember 2006

Auszug aus einem Brief an die jungen Frauen Manolos

JOSE P. RIZAL, philippinischer Arzt und Literat, schreibt im Februar 1889 unter anderem:

... jetzt, wo ihr ein gutes Beispiel gegeben habt für eure Landsmänninnen, die, wie ihr, sich danach sehnen, ihre Augen geöffnet zu bekommen und von der Knechtschaft befreit zu werden, sind neue Hoffnungen in uns erwacht und wir wagen es sogar dem Elend ins Gesicht zu sehen und Vertrauen in den Sieg setzen, da wir euch als Verbündete haben. Nicht länger mehr beugt die philippinische Frau Kopf und Knie; ihre Hoffnung auf die Zukunft ist wiederbelebt; Vergangenheit ist die Mutter, die hilft, ihre Tochter in Dunkelheit zu halten, sie in Selbstverachtung und moralischer Unwissenheit zu erziehen. Die größte Weisheit besteht nicht länger in blinder Unterwerfung unter jeden ungerechten Befehl oder in extremer Gleichgültigkeit, noch wird ein höfliches Lächeln als einzige Waffe gegen Beleidigung gelten oder demütige Tränen das unbeschreiblich Allheimittel für alle Drangsal sein.



... Ihr habt herausgefunden, daß Gottes Wille sich von dem der Priester unterscheidet; daß Religiosität weder aus längerem Knien noch aus endlosen Gebeten, großen Rosenkränzen und schmutzigen Bußgewändern besteht, sondern aus unbescholtenem Benehmen, reinem Gewissen und aufrechtem Denken. Ihr habt auch herausgefunden, daß Tugend/Klugheit nicht darin besteht, blindem Gehorsam gegenüber jedem Wunsch und jeder Forderung derjenigen zu üben, die sich als kleine Götter aufspielen, sondern dem zu gehorchen, was sinnvoll und gerecht ist, da blinder Gehorsam selbst die Ursache dieser Launen ist und in diesem Fall beide Parteien dafür die Schuld tragen und verantwortlich sind. Der Beamte oder der Mönch können nicht länger allein für ihre ungerechten Befehle verantwortlich gemacht werden, da Gott jedem Individuum eigene Vernunft und einen eigenen Willen gegeben hat, so daß es zwischen richtig und falsch unterscheiden kann. Alle wurden ohne Ketten geboren, frei, und niemand darf den Willen und den Geist eines Anderen unterwerfen, wohl wissend, daß die Gedanken edel und frei sind.



Ich erwarte nicht, daß mir einfach geglaubt wird, nur weil ich es bin, der dies sagt; es gibt viele Menschen, die nicht auf Vernunft hören, sondern nur auf die hören, die die Soutane tragen oder graue Haare oder keine Zähne haben, obwohl es wahr ist, daß man die älteren wegen ihrer Mühen und Erfahrung ehren sollte, hat doch das Leben, das ich gelebt habe, gewidmet dem Glück der Menschen, meinem Alter einige Jahre – wenn auch nicht viele – hinzugefügt. Ich verlange nicht als Idol oder Götzenbild angesehen zu werden, dem man mit geschlossenen Augen, gebeugtem Kopf und vor der Brust verschränkten Armen zuhört und glaubt; was ich jeden bitte, ist darüber nachzudenken, was ich ihm sage, es zu überdenken und es sorgfältig im Sieb der Vernunft zu prüfen.

1. Die Tyrannei einiger ist nur durch die Feigheit und die Schuld auf der Seite der Anderen möglich.

2. Was jemanden verachtenswert macht, ist der Mangel an Würde und die Furcht vor demjenigen, der ihn in Verachtung hält.

3. Unwissenheit ist Sklaverei, denn wie ein Mensch denkt, so ist er; ein Mensch, der nicht für sich allein denkt und es zuläßt, daß er von den Gedanken anderer geführt wird, ist wie das Tier, das von einem Halter geführt wird.

4. Derjenige, der seine Freiheit liebt, muß zuerst seinem Kameraden helfen, denn derjenige, der seinen Schutz anderen verweigert, wird sich selbst ohne diesen (Schutz) finden; die einzelne Lamelle eines Palmwedels (buri) ist leicht gebrochen, aber nicht der aus zusammengebundenen Palm"wedeln" (rip) gemachte Besen.

5. Wenn die Filipina ihre Lebensweise nicht ändern wird, laßt sie keine Kinder mehr erziehen, laßt sie sie nur gebären. Sie muß aufhören, die Frau des Hauses zu sein, anderenfalls wird sie unbewußt Ehemann, Kinder, Heimatland und alles betrügen.

6. Alle Menschen werden gleich geboren, nackt, ohne Fesseln. Gott schuf den Menschen weder dazu, Sklave zu sein, noch stattete er ihn mit Intelligenz aus, damit er hintergangen wird, noch schmückte er ihn mit Vernunft, damit er von anderen getäuscht wird. Es ist nicht verblendet, sich zu weigern, einen Gleichen zu verehren, seinen Intellekt zu bilden und in allen Dingen Gebrauch von seiner Vernunft zu machen. Verblendet ist der, der aus sich selbst einen Gott macht, der Tiere aus anderen macht und der versucht, alles Vernünftige und Gerechte seinen Launen zu unterwerfen.

7. Bedenkt gut, welche Art von Religion sie euch unterrichten. Schaut, ob es nach den Lehren Christi der Wille Gottes ist, daß dem Armen geholfen und die Leiden gemindert werden. Bedenkt, was sie euch predigen, den Inhalt der Predigt, was hinter den Messen, Novenas, Rosenkränzen, Bußgewändern, Bildern, Wundern, Kerzen, Gürteln usw. usw. steckt, die sie euch täglich vor Geist, Ohren und Augen halten; drängend, schreiend und schmeichelnd; frage nach, woher sie kommen und wohin sie gehen und dann vergleiche ihre Religion mit der reinen Religion von Christus und schaut, ob die angebliche Beobachtung des Lebens Christi dich nicht an die fette Milchkuh oder das Mastschwein erinnert, die nicht aus Tierliebe dazu ermuntert werden, fett zu werden, sondern aus rein gewinnsüchtigen Motiven.

Laßt uns darum nachdenken; laßt uns unsere Situation bedenken und schauen, wo wir stehen. Mögen diese armselig geschriebenen Zeilen euch bei eurem guten Ziel unterstützen und euch helfen, das Vorhaben fortzusetzen, das ihr initiiert habt. "Möge euer Gewinn höher sein als das investierte Kapital;" und ich werde zufrieden die übliche Belohnung all derjenigen akzeptieren, die sich trauen, den Menschen die Wahrheit zu sagen. Möge euer Begehren, euch selbst auszubilden, von Erfolg gekrönt sein; möget ihr im Garten des Lernens keine unreifen Früchte ernten, sondern auswählen, was ihr nehmt und schaut gut, ehe ihr eßt, da auf der Oberfläche des Planeten alles Täuschung ist, und der Feind Unkraut in deinem Setzlingsboden sät.All dieses ist der glühende Wunsch eures Landmannes.


JOSÉ RIZAL

Dr. Jose Rizal, mit vollem Namen, JOSÉ PROTACIO RIZAL MERCADO Y ALONSO REALONDA, wurde am 19. Juni 1861 in Calamba, Philippinen geboren und starb am 30. Dezember 1896 in Manila, Philippinen. Er war Patriot, Arzt und ein gebildeter Mann, dessen Leben und sein literarisches Werk eine Inspiration für die philippinische Nationalbewegung waren.

(Deutsche Übersetzung: Sir Peter Eisele)


Mehr dazu ist zu finden unter:
http://www.jose-rizal.eu
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Donnerstag, 5. Januar 2006

Brief zum Thema: Dunkle Nächte der Seele

Liebe Claudia!

Gewiss kenne ich sie, die dunklen Nächte der Seele. Diese Stimmungen, in denen ich mir verloren, verlassen oder ungeliebt vorkomme. Ausgelöst durch äußere Begebenheiten oder durch innere Prozesse der Selbsterkenntnis. Du fragst mich, worauf ich mich besinne, wenn ich ganz unten bin?
Fragst mich, was mir hilft in finsteren Stunden, Tagen oder Wochen wieder nach oben zu kommen?

Als Schulkind legte ich mich, wenn’s ganz dick daherkam, in der Scheune ins duftende Heu. Da konnte ich ungestört meinen Gedanken nachsinnen, ohne von den Eltern oder Geschwistern beäugt, befragt oder belästigt zu werden. Manchmal zog ich durch den angrenzenden Wald, streifte mit meinen Händen über die saftiggrünen Blätter der Buchen, atmete den Geruch des Waldbodens oder suchte nach Parasolpilzen und Täublingen. Manchmal legte ich mich unter herabhängende Äste junger Tannenbäume. Da fühlte ich mich - wenigsten für eine Zeitlang - geborgen unter schirmenden Zweigen.

Ein paar Jährchen älter geworden zieht es mich nimmer in Buchenwälder, wenn ich mich ganz unten fühle, sondern ich blättere in Büchern. Lese Geschichten, Sprüche, Märchen, Gedichte, die mich trösten oder inspirieren. Geschichten die auf Blätter gedruckt sind, die einst als Bäume im Wald über sich selbst hinausgewachsen sind. Ich kann mich tagelang verkriechen hinter einem Buch, wie ein Baumkäfer hinter der Rinde. Oft erforsche ich scheinbar Gegensätzliches: die Welt ist Schein - die Welt ist heilig, Petersilie ist giftig - Petersilie ist ein Heilmittel, Sex ist pfui - Sex ist göttlich. Bin ich nachher, nach dem Nachdenken klüger als vorher? Kann man diese Frage überhaupt so stellen? Nachher weiß ich bloß, dass ich nicht weiß, was die allgemein gültige Wahrheit wäre. Dann weiß ich bloß, Antworten können sowohl Gift als auch Heilmittel sein.

Im Laufe der Jahre erschloss ich mehrere Quellen, die mich in den schrecklich dunklen Nächten der Seele am Leben zu erhalten vermögen. Dabei lasse ich mich von meiner Intuition leiten. Bücher, Bilder, Farblicht, Briefe schreiben, Tanzen oder auch Musik können mir Quelle sein.

Gerne lege ich eine CD ein und erfülle meine Wohnung mit dem Wohlklang von Musik - Arabische Trommeln, Orchestra, Alpinrock, Klavier, Geige, Jazz, Chants, Worldmusik, Afrikanischer Gesang. Ich drehe die Lautsprecher auf, Töne und Melodien vibrieren in meinem Körper. Von der Leibesmitte ausgehend breitet sich ein wohlig warmes Gefühl in meinem Körper aus, während ich mich der Musik hingebe.

Manchmal ergebe ich mich der Dunkelheit. Ich lege mich ins breite Bett, das Gesicht nahe zur Wand, hülle mich bis über die Ohren in die Decke. Spüre meinen Atem, der warm aus der Nase strömt. Gekrümmt wie eine kleine Bohne liege ich unter der Decke, die mich warm birgt und ich imaginiere mich in einem Kokon wohnend, als Puppe eines schönen Schmetterlings.

Rosenherz
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guten tag rosenherz,

... ja, ich schreibe meine texte zunächst mit einem füller und dann später mit dem pc. als füller benutze ich traditionell seit jahrzehnten den braunen pelikan kolben-callygraphiefüller mit der angeschrägten 0,7 mm callygraphiefeder und brauner pelikantinte. dieser füller und die tinte werden schon seit langem nicht mehr hergestellt und daher habe ich mir von beidem einen vorrat angelegt, der bis zu meinem lebensende reichen dürfte. ich habe allerdings in den zurückliegenden jahrzehnten viele füller geschenkt bekommen und auch gekauft. alles von der marke pelikan, weil ich in unmittelbarer nähe der pelikanwerke in hannover aufgewachsen bin. jeder zweite nachbar arbeitete bei pelikan. nun bin ich dabei, meine diversen sammlungen zu ordnen und zu reduzieren. daher habe ich schon einige füller und sonstige schreibgeräte über ebay verkauft.

ich wünsche ihnen ein gesundes und glückliches jahr 2007 und verbleibe


mit freundlichen grüssen

klaus-dieter b.
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Montag, 2. Januar 2006

Brief an meine Mutter

Liebe Mama!

Jahrestag. Du hast überlebt. Weißt du noch, vor rund einem Jahr? Natürlich, wie könntest du das vergessen! Du hattest drei Tage vor deinem Geburtstag die Diagnose Krebs gestellt bekommen.

Ich erfuhr es, als ich Vera besuchte. Sie öffnete mit geröteten Augen und verrotzter Nase die Tür und ich, amüsiert von einem vorweihnachtlichen Stadtbummel, fragte scherzhaft, ob sie denn schon wieder verschnupft sei. Zwei Minuten später fühlte ich mich, als wäre mir der Fußboden unter den Füßen weg gebrochen und in die Tiefe gestürzt.

Als zum ersten Mal das Wort Totalamputation fiel, weinte dein Lebensgefährte neben dir im Krankenhaus.. Du hast rasch eingewilligt, die Knoten mitsamt der ganzen Brust wegzuschneiden, in der wagen Hoffnung, dir damit eine Chemotherapie zu ersparen.

Ich recherchierte im Internet, kaufte und las Bücher zum Thema, las mich durch hunderte Erfahrungsberichte Krebskranker, telefonierte mit Frauen, von denen ich wußte, dass sie vom gleichen Schicksal betroffen gewesen waren und erkundigte mich nach Ärtzen, Therapien und Selbshilfegruppen für dich. Wir redeten miteinander, statt aneinander vorbei. Ich versprach, dir zur Seite zu stehen und dich zu den Terminen im Krankenhaus zu begleiten. Als es dann soweit war, kotzte ich mein ganzes Elend deiner Diagnose aus mir heraus. Sterbenselend hing ich am Bettrand - und musste selbst um Hilfe bitten. Ich besuchte dich wochenlang nicht, nicht Mal in den Tagen nach der Operation, obwohl du dir sosehr meine Nähe gewünscht hattest. Es fiel mir unendlich schwer, den Kontakt zu dir und der Familie zu meiden. Aber ein Besuch von mir hätte dich an den Rand des Todes zu bringen können, durch die Virusgrippe, an der ich erkrankt war.

Knapp ein Jahr ist inzwischen vergangen. Du hattest dir gewünscht, ich sollte bei dir stehen, wenn du dir zum ersten Mal die Narben im Spiegel anschaust. Ich war da. Du weintest. Und zugleich meintest du, es wäre dir eh nicht leid um deine Brust, denn sie sei eh nur eine Kleine gewesen. Mich traf bei deinen Worten fast der berüchtigte Schlag! Meinst du, weil du eine vergleichsweise kleine Brust hattest, wäre nicht schade darum?

An manchen Tagen des Jahres richtete ich meine Termine so ein, dass ich dich anschließend besuchen konnte, dir Rücken und Hände mit einem duftenden Öl bestrich oder mich zu einem von dir so geliebten Spaziergang zu zweit aufraffte.

Unlängst saßen wir Frauen beisammen, du, deine jüngste Tochter, deine einzige Enkeltochter und ich. Wir feierten dich und deinen Geburtstag. Dazu lud ich euch in mein Zimmer ein, wo ich warm eingeheizt und Kerzenlicht angezündet hatte.
In der gemütlichen Atmosphäre erzählten wir einander von unserem Leben - so offen und unbekümmert wie Frauen eben sein können. Beim Kärtchenfragespiel zogst du die Frage „Worüber hast du dich im abgelaufenen Jahr am meisten gefreut?“ und fandest, es war die Fürsorge deines Lebensgefährten in der Zeit rund um die Operation. Bald danach stiegen dir Tränen in die Augen. Im leisen Schluchzen brach es aus dir hervor, du sehnst dich nach zärtlichen Händen deines Lebensgefährten, nach Umarmungen und warmherzigen Berührungen. Das hätte ich nie gedacht, das einmal aus deinem Mund zu hören!

Mama? Mama, wirst du mein Sehnen jetzt verstehen können? Wirst du verstehen, wie sehr ich mich freue, von demjenigen berührt und umarmt zu werden, der mich unlängst zärtlich Elendigliche nannte?


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