Kuss-Sammlung (steppenhund)
Ein guter Kuss?
Es gibt viele gute Küsse. Manche sind so sogar dadurch so besonders
gut, weil es viele sind. Weil sie eine Vertrautheit bestätigen, die täglich erneuert wird.
Aber es gibt etwas, was den ganz besonderen Kuss ausmacht und ich versuche die Eigenschaften aus den zwei Küssen heraus zu
destillieren, an die ich mich am besten erinnern kann. Es gab noch ein paar von dieser Sorte, doch letztlich sind sie an einer Hand abzuzählen.
Dieser besondere Kuss erfordert drei Grundvoraussetzungen:
1) sowohl Frau als auch Mann wissen, wie man gut küßt (wie immer das
definiert sein mag)
2) sowohl Frau als auch Mann haben schon lange nicht geküßt.
3) es ist der erste Kuss zwischen den beiden.
Es gibt dann noch andere rein mechanistische Erfordernisse wie ähnliche Mundgröße, volle Lippen und generell körperliche Kompatibilität in Geschmack und Geruch. Die können aber irgendwie impliziert werden, wenn man sich überhaupt auf Kussdistanz nähert.
Jener spezielle erste Kuss vor fast zehn Jahren, an den ich mich noch
heute fast physisch erinnern kann, fand auf einer Strassenbahnhaltestelle am Donaukanal statt. Dem Kuss waren viele
Gespräche vorausgegangen, die Gemeinsamkeiten hergestellt hatten. Auch Begehrlichkeiten. Doch mein Verheiratet-Sein hatte eine Barriere dargestellt, die an jenem Abend fiel. Sie fiel zu einem Zeitpunkt, an dem sich eine tiefe Zärtlichkeit zum anderen eingestellt hatte und eine Verabschiedung auf Handschlag- oder Bussiebene nicht mehr möglich schien.
So kam es zu jenem ersten Kuss, der von der Bedeutung her etwas Besonderes hatte und in der Ausübung einem dramaturgischen Ablauf folgte.
Der Umarmung und dem Annähern der Köpfe folgte der erste Mundkontakt, den ich sehr bewusst erlebte. Ihren Mund hatte ich schon vorher bewundert und jetzt wollte ich ihn erfühlen. Mund auf Mund musste so passen wie das Andocken eines Spaceshuttles an die Raumstation - gleichmäßig aber dicht, alle Sensoren darauf ausgerichtet, dass sanfter gleichförmiger Druck an allen Stellen entsteht. Jetzt erfolgte die erste Bestätigung, die Lippen fühlten sich gut an, nicht zu trocken, nicht zu feucht, nicht zu spröde, einfach richtig in allen haptischen Belangen.
Jetzt trat ein erstes Glücksgefühl ein, eine Grenze war überschritten
worden. Da gab es ein körperliches "wir". Nach einiger Zeit öffneten
sich die Münder und das Spielen begann. Jetzt wurde das
Geschmacksempfinden bestätigt. Wir schmeckten einander gegenseitig. Wir schmeckten einander gegenseitig. Der Satz muss zweimal gesagt werden, da er zwei verschiedene Bedeutungen mit sich führt. Und im Spielen geschah etwas, was den eigentlichen Höhepunkt des Kusses einleitete. Ihr Körper, wir standen beide, entspannte sich. Er wurde etwas schwerer in meinen Armen, plötzlich schien ich sie halten zu müssen und ich hatte das Gefühl von Weichheit und absoluter Anschmiegsamkeit. Das Gefühl griff auf mich über. Nun küßte nicht mehr ich, sondern es küßte uns. Der Kuss entwickelte ein Eigenleben. Und obwohl der Kuss eine ganz entschieden erotische, ja sexuelle Geschmacksrichtung zu bekommen schien, war die eigentliche Vereinigung bereits vorgenommen. Sex würde es später einmal geben, nicht auf der Haltestelle. Mit diesem Kuss war aber bereits alles etabliert, die Hingabe hatte stattgefunden, die Gürtelschnalle war gelöst worden. Ich stimme denjenigen zu, die meinen, dass ein richtiger Kuss intimer als Sex ist.
Und so sind diese Erinnerungen an den Kuss mit wesentlich mehr Details behaftet, die ich mir sinnlich gewärtig werden lassen kann. Ihr Gesicht, ihre Augen, das Verhältnis der Körpergröße, wie weit ich meine Arme ausbreiten musste, ihr Mantel, die Temperatur der Umgebung, der Dämmerungsgrad des Abends. Dazu kommt das Quietschen der Strassenbahnräder, die dort eine Kurve bewältigen müssen und das bewusste Leiserwerden der Umgebung, bis schlussendlich gar nichts mehr von dieser Umgebung wahrgenommen wird. Gekrönt von einer Nachhausefahrt, die notwendige Trennung in ein Glücksgefühl umgemünzt hatte: "wir hatten uns geküßt."
(Noch heute verbindet uns eine tiefe Freundschaft, ja man kann durchaus von Liebe sprechen, auch wenn unsere Lebenswege letztlich wieder auseinandertrieben.)
(c) Steppenhund
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Es gibt viele gute Küsse. Manche sind so sogar dadurch so besonders
gut, weil es viele sind. Weil sie eine Vertrautheit bestätigen, die täglich erneuert wird.
Aber es gibt etwas, was den ganz besonderen Kuss ausmacht und ich versuche die Eigenschaften aus den zwei Küssen heraus zu
destillieren, an die ich mich am besten erinnern kann. Es gab noch ein paar von dieser Sorte, doch letztlich sind sie an einer Hand abzuzählen.
Dieser besondere Kuss erfordert drei Grundvoraussetzungen:
1) sowohl Frau als auch Mann wissen, wie man gut küßt (wie immer das
definiert sein mag)
2) sowohl Frau als auch Mann haben schon lange nicht geküßt.
3) es ist der erste Kuss zwischen den beiden.
Es gibt dann noch andere rein mechanistische Erfordernisse wie ähnliche Mundgröße, volle Lippen und generell körperliche Kompatibilität in Geschmack und Geruch. Die können aber irgendwie impliziert werden, wenn man sich überhaupt auf Kussdistanz nähert.
Jener spezielle erste Kuss vor fast zehn Jahren, an den ich mich noch
heute fast physisch erinnern kann, fand auf einer Strassenbahnhaltestelle am Donaukanal statt. Dem Kuss waren viele
Gespräche vorausgegangen, die Gemeinsamkeiten hergestellt hatten. Auch Begehrlichkeiten. Doch mein Verheiratet-Sein hatte eine Barriere dargestellt, die an jenem Abend fiel. Sie fiel zu einem Zeitpunkt, an dem sich eine tiefe Zärtlichkeit zum anderen eingestellt hatte und eine Verabschiedung auf Handschlag- oder Bussiebene nicht mehr möglich schien.
So kam es zu jenem ersten Kuss, der von der Bedeutung her etwas Besonderes hatte und in der Ausübung einem dramaturgischen Ablauf folgte.
Der Umarmung und dem Annähern der Köpfe folgte der erste Mundkontakt, den ich sehr bewusst erlebte. Ihren Mund hatte ich schon vorher bewundert und jetzt wollte ich ihn erfühlen. Mund auf Mund musste so passen wie das Andocken eines Spaceshuttles an die Raumstation - gleichmäßig aber dicht, alle Sensoren darauf ausgerichtet, dass sanfter gleichförmiger Druck an allen Stellen entsteht. Jetzt erfolgte die erste Bestätigung, die Lippen fühlten sich gut an, nicht zu trocken, nicht zu feucht, nicht zu spröde, einfach richtig in allen haptischen Belangen.
Jetzt trat ein erstes Glücksgefühl ein, eine Grenze war überschritten
worden. Da gab es ein körperliches "wir". Nach einiger Zeit öffneten
sich die Münder und das Spielen begann. Jetzt wurde das
Geschmacksempfinden bestätigt. Wir schmeckten einander gegenseitig. Wir schmeckten einander gegenseitig. Der Satz muss zweimal gesagt werden, da er zwei verschiedene Bedeutungen mit sich führt. Und im Spielen geschah etwas, was den eigentlichen Höhepunkt des Kusses einleitete. Ihr Körper, wir standen beide, entspannte sich. Er wurde etwas schwerer in meinen Armen, plötzlich schien ich sie halten zu müssen und ich hatte das Gefühl von Weichheit und absoluter Anschmiegsamkeit. Das Gefühl griff auf mich über. Nun küßte nicht mehr ich, sondern es küßte uns. Der Kuss entwickelte ein Eigenleben. Und obwohl der Kuss eine ganz entschieden erotische, ja sexuelle Geschmacksrichtung zu bekommen schien, war die eigentliche Vereinigung bereits vorgenommen. Sex würde es später einmal geben, nicht auf der Haltestelle. Mit diesem Kuss war aber bereits alles etabliert, die Hingabe hatte stattgefunden, die Gürtelschnalle war gelöst worden. Ich stimme denjenigen zu, die meinen, dass ein richtiger Kuss intimer als Sex ist.
Und so sind diese Erinnerungen an den Kuss mit wesentlich mehr Details behaftet, die ich mir sinnlich gewärtig werden lassen kann. Ihr Gesicht, ihre Augen, das Verhältnis der Körpergröße, wie weit ich meine Arme ausbreiten musste, ihr Mantel, die Temperatur der Umgebung, der Dämmerungsgrad des Abends. Dazu kommt das Quietschen der Strassenbahnräder, die dort eine Kurve bewältigen müssen und das bewusste Leiserwerden der Umgebung, bis schlussendlich gar nichts mehr von dieser Umgebung wahrgenommen wird. Gekrönt von einer Nachhausefahrt, die notwendige Trennung in ein Glücksgefühl umgemünzt hatte: "wir hatten uns geküßt."
(Noch heute verbindet uns eine tiefe Freundschaft, ja man kann durchaus von Liebe sprechen, auch wenn unsere Lebenswege letztlich wieder auseinandertrieben.)
(c) Steppenhund
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rosenherz - 25. Dez, 23:14
Kinkerlitzch3n - 28. Dez, 11:26
Unfassbar schön, ich erlebte beim Lesen vergangene Küsse wieder - Danke!
rosenherz - 28. Dez, 11:48
Ja Kinkerlitzch3en, mir ist es ähnlich ergangen. Doch auch schmerzliche Gefühle von vergangene Küssen schwappten an die Oberfläche, als ich steppehunds Text las. Ein Schmerzgefühl, dass von der Tatsache herührte, Küsse die einst so gemocht waren, waren mit der Zeit nicht weniger und weniger willkommmen, bis es schließlich keine Küsse mehr gab.


