Freitag, 15. Dezember 2006

Les Jardins de Cocagne – alle gewinnen

Angesichts der Lage in der sich die Landwirtschaft in der Schweiz, wie in der EU befindet, möchte ich anhand der Gemüseproduktions- und Vertriebsgenossenschaft «Les Jardins de Cocagne» zeigen, dass es alternative Organisationsformen gibt und was diese kennzeichnet.
Von Rudi Berli

„Les Jardins de Cocagne“ ist eine 1978 gegründete Genossenschaft, die heute 400 Familien im Raum Genf wöchentlich mit frischem, jahreszeitabhängigem, biologischem Gemüse beliefert. Zehn ProduzentInnen arbeiten in der Produktion und besetzen insgesamt vier Vollzeitanstellungen. Die GenossenschafterInnen und KonsumentInnen unterzeichnen jährlich einen Vertrag und entrichten im Voraus einen Preis, der ihnen einen Anteil der Produktion sichert. Der Preis für das Abonnement ist aufgeteilt in zwei Teile, den Standardteil und den kleinen Teil. Diese Teile sind wiederum je nach Einkommen der Konsumenten aufgegliedert. In diesem System gibt es keine Überschussproduktion, denn die gesamten Produktionskosten werden von den Mitgliederbeiträgen gedeckt, das heißt dass die ganze Produktion schon im Voraus verkauft ist. Die den ProduzentInnen von den Großverteilern aufgezwungenen Qualitätsstandards fallen dahin, da eine krumme oder zu kleine Gurke genauso gut schmeckt wie eine Normgurke. Diese Normierung ernennt im Handumdrehen 15-30% der Produktion zu Abfall - ein ökonomischer Schwachsinn.

Preis und Inhalt
… der Produktion werden jeweils gemäss dem Vorschlag der ProduzentInnen bei der Jahresversammlung festgelegt. Er ist vom Ertrag unabhängig, da die Produktionskosten nur zu einem kleinen Teil davon abhängen. Die Größe der Genossenschaft ist seit mehreren Jahren stabil, da beschlossen wurde sich im Wachstum auf 400 Haushalte zu beschränken. Vielmehr strebt die Genossenschaft an, dass andere, parallele Initiativen entstehen, als eine einzige immerzu größere. Das ist ökonomische Artenvielfalt.
Das Produktionsrisiko wird solidarisch getragen, im Fall von Missernte bedeutet das weniger Ertrag pro Anteilsschein, im Falle eines guten Jahres bedeutet es Überfluss. Da die Genossenschaft circa 50 verschiedene Gemüsesorten pro Jahr produziert, gleicht sich das Produktionsrisiko jedoch so in etwa aus.
Die Löhne der ProduzentInnen, die von den KonsumentInnen angestellt sind, werden von der Generalversammlung fixiert, entsprechen einem geläufigen, durchschnittlichen Lohn und sind so rund 25 % höher als sonst in der Landwirtschaft. Desgleichen sind Arbeitszeiten und allgemeine Arbeitsbedingungen den üblichen Bedingungen anderer Sektoren angepasst.

Da es keinen Zwischenhandel und bedeutend weniger Verluste gibt, wird dieses biologische Gemüse, trotz besserer sozialer Bedingungen, schlussendlich sogar noch billiger als das Gemüse auf dem konventionellen Preis. Was nebenbei nicht heißen soll, dass Lebensmittel zu teuer sind, nur das die Gewinnmargen zu oft nicht am richtigen Ort landen, bei ProduzentInnen oder bei LandarbeiterInnen, sondern im Portfolio eines Aktienhändlers.

Die KonsumentInnen beteiligen sich auch zu vier halben Tagen an der Ernte und dem Vertrieb der Produktion, falls sie dieser Verpflichtung nicht nachkommen, zahlen sie einen proportionellen Aufpreis. So vertieft sich die Beziehung zwischen ProduzentInnen und KonsumentInnen nicht nur über den Konsum der Produkte, sondern auch über deren Produktion.

Dieses kleine Beispiel einer seit bald 30 Jahren funktionierenden Produktions- und Konsumstruktur, zeigt wie wichtig in der Landwirtschaft ein klarer Vertrag zwischen den Partnern ist. Dieser Vertrag muss eine Definition von Menge und Qualität, sowie ein Liefertermin beinhalten, der Preis muss festgesetzt und eine Anzahlung muss vor der Lieferung gemacht sein. Freier Markt, bedeutet nicht liberaler Kannibalismus und Barbarei, sondern dass die verschiedenen sozialen Sektoren einen gemeinsamen, sozialen Vertrag ausarbeiten und aushandeln.

(c) Rudi Berli, uniterre
287 mal gelesen
steppenhund - 19. Dez, 16:22

Irgendwer hat mir kürzlich erzählt, dass es so ein ähnliches Modell mit den Bauern im Marchfeld gibt, wobei ich nicht annehme, dass die Organisation ähnlich ausgereift wie in der Schweiz ist.
Aber ich freue mich sehr, dass sich die Durchführung eines derartigen Systems als möglich erweist, so sehr ich bedaure, dass meine Erfindung nichts neues gebracht hat:)
Ich würde allerdings den Aufpreis zahlen, um nicht ernten zu müssen:)

rosenherz - 20. Dez, 14:07

Ich ernte gerne selber. Vor allem auch bei Feingemüse, das nicht auf einem Acker hochschießt.
*zwinker*
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