Brief an meine Mutter
Liebe Mama!
Jahrestag. Du hast überlebt. Weißt du noch, vor rund einem Jahr? Natürlich, wie könntest du das vergessen! Du hattest drei Tage vor deinem Geburtstag die Diagnose Krebs gestellt bekommen.
Ich erfuhr es, als ich Vera besuchte. Sie öffnete mit geröteten Augen und verrotzter Nase die Tür und ich, amüsiert von einem vorweihnachtlichen Stadtbummel, fragte scherzhaft, ob sie denn schon wieder verschnupft sei. Zwei Minuten später fühlte ich mich, als wäre mir der Fußboden unter den Füßen weg gebrochen und in die Tiefe gestürzt.
Als zum ersten Mal das Wort Totalamputation fiel, weinte dein Lebensgefährte neben dir im Krankenhaus.. Du hast rasch eingewilligt, die Knoten mitsamt der ganzen Brust wegzuschneiden, in der wagen Hoffnung, dir damit eine Chemotherapie zu ersparen.
Ich recherchierte im Internet, kaufte und las Bücher zum Thema, las mich durch hunderte Erfahrungsberichte Krebskranker, telefonierte mit Frauen, von denen ich wußte, dass sie vom gleichen Schicksal betroffen gewesen waren und erkundigte mich nach Ärtzen, Therapien und Selbshilfegruppen für dich. Wir redeten miteinander, statt aneinander vorbei. Ich versprach, dir zur Seite zu stehen und dich zu den Terminen im Krankenhaus zu begleiten. Als es dann soweit war, kotzte ich mein ganzes Elend deiner Diagnose aus mir heraus. Sterbenselend hing ich am Bettrand - und musste selbst um Hilfe bitten. Ich besuchte dich wochenlang nicht, nicht Mal in den Tagen nach der Operation, obwohl du dir sosehr meine Nähe gewünscht hattest. Es fiel mir unendlich schwer, den Kontakt zu dir und der Familie zu meiden. Aber ein Besuch von mir hätte dich an den Rand des Todes zu bringen können, durch die Virusgrippe, an der ich erkrankt war.
Knapp ein Jahr ist inzwischen vergangen. Du hattest dir gewünscht, ich sollte bei dir stehen, wenn du dir zum ersten Mal die Narben im Spiegel anschaust. Ich war da. Du weintest. Und zugleich meintest du, es wäre dir eh nicht leid um deine Brust, denn sie sei eh nur eine Kleine gewesen. Mich traf bei deinen Worten fast der berüchtigte Schlag! Meinst du, weil du eine vergleichsweise kleine Brust hattest, wäre nicht schade darum?
An manchen Tagen des Jahres richtete ich meine Termine so ein, dass ich dich anschließend besuchen konnte, dir Rücken und Hände mit einem duftenden Öl bestrich oder mich zu einem von dir so geliebten Spaziergang zu zweit aufraffte.
Unlängst saßen wir Frauen beisammen, du, deine jüngste Tochter, deine einzige Enkeltochter und ich. Wir feierten dich und deinen Geburtstag. Dazu lud ich euch in mein Zimmer ein, wo ich warm eingeheizt und Kerzenlicht angezündet hatte.
In der gemütlichen Atmosphäre erzählten wir einander von unserem Leben - so offen und unbekümmert wie Frauen eben sein können. Beim Kärtchenfragespiel zogst du die Frage „Worüber hast du dich im abgelaufenen Jahr am meisten gefreut?“ und fandest, es war die Fürsorge deines Lebensgefährten in der Zeit rund um die Operation. Bald danach stiegen dir Tränen in die Augen. Im leisen Schluchzen brach es aus dir hervor, du sehnst dich nach zärtlichen Händen deines Lebensgefährten, nach Umarmungen und warmherzigen Berührungen. Das hätte ich nie gedacht, das einmal aus deinem Mund zu hören!
Mama? Mama, wirst du mein Sehnen jetzt verstehen können? Wirst du verstehen, wie sehr ich mich freue, von demjenigen berührt und umarmt zu werden, der mich unlängst zärtlich Elendigliche nannte?
Deine Älteste
Jahrestag. Du hast überlebt. Weißt du noch, vor rund einem Jahr? Natürlich, wie könntest du das vergessen! Du hattest drei Tage vor deinem Geburtstag die Diagnose Krebs gestellt bekommen.
Ich erfuhr es, als ich Vera besuchte. Sie öffnete mit geröteten Augen und verrotzter Nase die Tür und ich, amüsiert von einem vorweihnachtlichen Stadtbummel, fragte scherzhaft, ob sie denn schon wieder verschnupft sei. Zwei Minuten später fühlte ich mich, als wäre mir der Fußboden unter den Füßen weg gebrochen und in die Tiefe gestürzt.
Als zum ersten Mal das Wort Totalamputation fiel, weinte dein Lebensgefährte neben dir im Krankenhaus.. Du hast rasch eingewilligt, die Knoten mitsamt der ganzen Brust wegzuschneiden, in der wagen Hoffnung, dir damit eine Chemotherapie zu ersparen.
Ich recherchierte im Internet, kaufte und las Bücher zum Thema, las mich durch hunderte Erfahrungsberichte Krebskranker, telefonierte mit Frauen, von denen ich wußte, dass sie vom gleichen Schicksal betroffen gewesen waren und erkundigte mich nach Ärtzen, Therapien und Selbshilfegruppen für dich. Wir redeten miteinander, statt aneinander vorbei. Ich versprach, dir zur Seite zu stehen und dich zu den Terminen im Krankenhaus zu begleiten. Als es dann soweit war, kotzte ich mein ganzes Elend deiner Diagnose aus mir heraus. Sterbenselend hing ich am Bettrand - und musste selbst um Hilfe bitten. Ich besuchte dich wochenlang nicht, nicht Mal in den Tagen nach der Operation, obwohl du dir sosehr meine Nähe gewünscht hattest. Es fiel mir unendlich schwer, den Kontakt zu dir und der Familie zu meiden. Aber ein Besuch von mir hätte dich an den Rand des Todes zu bringen können, durch die Virusgrippe, an der ich erkrankt war.
Knapp ein Jahr ist inzwischen vergangen. Du hattest dir gewünscht, ich sollte bei dir stehen, wenn du dir zum ersten Mal die Narben im Spiegel anschaust. Ich war da. Du weintest. Und zugleich meintest du, es wäre dir eh nicht leid um deine Brust, denn sie sei eh nur eine Kleine gewesen. Mich traf bei deinen Worten fast der berüchtigte Schlag! Meinst du, weil du eine vergleichsweise kleine Brust hattest, wäre nicht schade darum?
An manchen Tagen des Jahres richtete ich meine Termine so ein, dass ich dich anschließend besuchen konnte, dir Rücken und Hände mit einem duftenden Öl bestrich oder mich zu einem von dir so geliebten Spaziergang zu zweit aufraffte.
Unlängst saßen wir Frauen beisammen, du, deine jüngste Tochter, deine einzige Enkeltochter und ich. Wir feierten dich und deinen Geburtstag. Dazu lud ich euch in mein Zimmer ein, wo ich warm eingeheizt und Kerzenlicht angezündet hatte.
In der gemütlichen Atmosphäre erzählten wir einander von unserem Leben - so offen und unbekümmert wie Frauen eben sein können. Beim Kärtchenfragespiel zogst du die Frage „Worüber hast du dich im abgelaufenen Jahr am meisten gefreut?“ und fandest, es war die Fürsorge deines Lebensgefährten in der Zeit rund um die Operation. Bald danach stiegen dir Tränen in die Augen. Im leisen Schluchzen brach es aus dir hervor, du sehnst dich nach zärtlichen Händen deines Lebensgefährten, nach Umarmungen und warmherzigen Berührungen. Das hätte ich nie gedacht, das einmal aus deinem Mund zu hören!
Mama? Mama, wirst du mein Sehnen jetzt verstehen können? Wirst du verstehen, wie sehr ich mich freue, von demjenigen berührt und umarmt zu werden, der mich unlängst zärtlich Elendigliche nannte?
Deine Älteste
rosenherz - 2. Jan, 13:57
NAMENLOS - 2. Jan, 17:46
Gefühlvoll
Hallo Rosenherz,
ein sehr gefühlvoller Brief, den Du hier veröffentlicht hast. Sehr sensibel und auch gefühlvoll.
Mich würde interessieren, ob Du diese Zeilen auch Deiner Mama geschickt hast, oder ob Du sie geschrieben, aber nie abgesandt hast? Obwohl sie es verdienen, von dem Menschen gelesen zu werden, an dem sie gerichtet wurden.
Ich konnte meinen Brief an M. ihm nicht mehr zu lesen geben, weil er schon lange der Geisel Krebs erlegen war.
Liebe Grüße
NAM
ein sehr gefühlvoller Brief, den Du hier veröffentlicht hast. Sehr sensibel und auch gefühlvoll.
Mich würde interessieren, ob Du diese Zeilen auch Deiner Mama geschickt hast, oder ob Du sie geschrieben, aber nie abgesandt hast? Obwohl sie es verdienen, von dem Menschen gelesen zu werden, an dem sie gerichtet wurden.
Ich konnte meinen Brief an M. ihm nicht mehr zu lesen geben, weil er schon lange der Geisel Krebs erlegen war.
Liebe Grüße
NAM
rosenherz - 2. Jan, 18:14
Hallo NAM,
ich verfasste diesen Brief erst heute. Meine Mama hat ihn also noch nicht gelesen und ich denke tatsächlich daran ihn abzuschicken. Vermutlich wird sie beim Empfang so gerührt meine Zeilen lesen wird, wie damals, als ich ihr ein handgeschriebenes Buch mit meinen Kindheitserinnerungen widmete.
NAMENLOS - 2. Jan, 20:45
Hallo Rose
Ich wollte auch immer wieder lange Texte schreiben, doch ich weiß das meine Mutter diese nicht wirklich verstehen kann. Sie lebt leider in einer gewissen Illusion - einer Welt die sie sich aufgebaut hat und in der manche Dinge einfach nicht sein dürfen.
rosmarin - 3. Jan, 00:50
eigentlich ist hier nun jedes wort zuviel. dein text ist so.....
.... schick ihn ab :-*
.... schick ihn ab :-*
Brizz - 4. Jan, 08:47
Danke...
... für diesen Text. Ich hab das selbe vor 5 Jahren durchgemacht, und es war sehr hart, für meine Ma ebenso wie für mich. Nicht nur das Unvermögen, nichts gegen die Krankheit tun zu können, sondern auch die emotionale Belastung, sie verlieren zu können, ihren Körper neu betrachten zu müssen. Ich bin damals wie in Watte verpackt durch meine Tage gegangen, aber es wird besser. Ich wünsche Euch ganz viel Kraft. Auch wenn sie mittlerweile geheilt ist, aber das kann man immer brauchen : )
testsiegerin - 5. Jan, 00:22
total berührend find ich den text. schön geschrieben. betroffen machend, ohne kitschig zu sein.



Eigentlich wollte ich es nicht kommentieren, aber...
1. Die Liebe ihrer Kinder - in diesem falle deine Liebe, rosenherz, wird ihr gut tun und ihr Leben bereichern.
2. Sie wird absolut verstehen, dass du große Freude empfunden hast, als derjenige dich berührte (oder in der Hoffnung, berührt zu werden), der dich Elendigliche nannte. Denn: Wo Liebe stark ist, muß man verzeihen können. Und ich hoffe sehr für dich, dass es so ist, nämlich Liebe.
3. Das Damoglesschwert Krebs kreist über eines jeden Kopf. Und deshalb sollte man sich nicht abwenden, wenn ein Familienmitglied oder Freund davon betroffen ist. Ich selbst habe einige Mneschen meiner unmittelbaren Umgebung auf diese grausame Weise verloren. Und ich selbst - wenngleich auch die Befunde negativ sind - fürchte mich sehr davor!
In diesem Sinne und mit dem positiven Blick ins neue Jahr...
LG
Buchfinder
Mit postiven Blick...
Ja, es ist nicht leicht, mitzuerleben, wie Menschen von den Folgen einer Krebserkrankung dahingerafft werden und wir selbst mit unseren tausend Fragen an Sinn und Sein unseres Erdendaseins zurück bleiben. Dein Satz "und dich selbst fürchte mich sehr davor" bringt mir einen Moment in Erinnerung, bei dem ich vor Jahren einem Mann, der sterbenskrank im Spital lag, meine Hand gab. Er flehte immer wieder "lass mich nicht allein". Er hatte keine anderen Verwandten mehr, Kinder gab es nicht. Ich blieb an den besagten Nachmittag eine Zeitlang an seiner Seite. Damals war ich sechzehn Jahre alt.
Buchfinder, lieben Dank für deinen Kommentar!
Rosenherz