Sonntag, 10. Mai 2009

Muttertag

Das zunehmende Licht der Morgendämmerung sagt mir, es tagt bereits. Ich schaue ich auf die Anzeige des Weckers. Halb sechs Uhr morgens. Der Mann neben mir atmet gleichmäßig, er schläft noch fest, obwohl er sonst um diese Zeit aufsteht. Sein gestriger Arbeitstag war lang und mühsam gewesen.
Ich könnte heute bis um acht oder neun schlafen, und wenn ich wollte. Will ich aber nicht. Ich stehe früh auf. Ich will diesen Muttertag mit einem Morgenspaziergang beginnen. Allein. Ohne Mann, der stets drei Meter vorauseilt, ohne Kinder, die sich über die ungewohnte Mühe des bergigen Anstiegs beschweren.
Am Ziel, einem Waldstück mit lichtdurchfluteten Rotbuchen, huscht eine Amsel träge durchs Unterholz. Um diese frühe Zeit sind diese Vögel noch nicht so recht flugfähig, ich noch nicht redselig. Auch deshalb ziehe ich das Alleingehen vor. Schön ist es, zu sehen, wie die Sonne über den östlichen Hügel heraufkommt. Streifen für Streifen wird das Licht mehr am Wiesensaum. Auf den Blättern des wilden Frauenmantels, der am Wegesrand sich selbst angesamt hatte, sammeln sich Tautropfen. Das sind die sogenannten Guttationstropfen, die in der Volksheilkunde als Heilmittel gelten. Man kann sie mit einer Pipettte aufsaugen und in Medizinalalkohol konservieren.

Am Vormittag binde ich den Strauß mit wilden Margeriten fertig. Er sieht schön aus mit den vielen weißen Blütenköpfen, dazwischen die zarten, länglichen Blätter von den Zweigen einer Weide. Der üppige Strauß bekommt einen Mantel aus weißer Blumenseide, an dessen Rand ich einen kleinen Gruß hefte. Diesen schrieb ich mit schilfgrüner Tinte und Kalligrafiefeder auf einen Streifen Aquarellpapier. Die Tintenfarbe harmoniert mit dem Grün der Margeritenstängel und der Weidenblätter. Dazu klammere ich ein handgeschriebenes Zitat: "Es gibt Augenblicke, in denen eine Blume wichiger ist, als ein Stück Brot."

Der Strauß ist für meine Mutter gedacht. Damit überrasche ich sie bei meinem angekündigten Besuch. Zu Mittag, beim Mittagessen, das wir zwei Schwestern für Mutter und Familie kochten, stelle ich die Vase auf den Tisch. Wir mögen an diesem Tag nirgends hinfahren, um im Restaurant zu essen. Die überlaufenen Lokale sind uns ein Gräuel.

Als wir noch kleine Schulmädchen waren und unsere Mutter fragten, was sie sich wünsche zum Muttertag, sagte sie meistens "Brave Kinder!"
Drüber ärgerte ich mich. Ich konnte mir nichts rechtes vorstellen unter einem braven Kind. Mir wäre lieber gewesen, sie hätte sich etwas gewünscht, was ich mit ein paar ersparten Schillingen beim Greißler im Dorf kaufen hätte können. Bonbons, ein Stück duftender Seife oder einen Heftchenroman, wie Schulfreunde das taten.
Aber sie meinte, sie habe alles, was sie brauche.

Beim heutigen Telefonat mit meiner eigenen Tochter, wir telefonieren beinah täglich miteinander, fällt mir auf wie ich mit den Jahren meiner Mutter ähnlich werde. Ich sage das Gleiche wie sie. "Ich habe alles, was ich brauche."
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