Briefwechsel mit einer Raupe - 1. Brief
Liebe Raupe!
Nach einer schlaflosen Nacht schreibe ich dir einen Brief. Ich weiß nicht, was ich tun soll, mit dir. Oder besser gesagt, mit den Brennnesseln, auf denen du haust. Das Ganze wäre ja problemlos, wenn du deine Wohnung außerhalb meines Gartenzaunes errichtet hättest. Aber nein, innerhalb des Gartenzaunes hast dich dich eingenistet. Auf den Brennnesseln, die zwischen den Himbeersträuchern wuchern. Jetzt, Anfang Juni, sind sie hüfthoch gewuchert und es ist höchste Zeit, der Wildnis innerhalb des Zaunes ein Ende zu bereiten.
Außerhalb ist es mir eh wurscht, wie es ausschaut. Da kann alles an Wildkräutern wuchern, die Disteln für die Distelfinken, der Thymian für die roten Ameisen, die Wildrosen für die Wildbienen, die Ampfer für den Ampferglanzkäfer, der Kerbel für die Schwebfleigen, aber drin, da soll wenigstens halbwegs gepflegt ausschauen. Es muss eh kein englischer Rosengarten sein, aber halt so wie es bei uns üblich ist in der Gegend. Normal eben.
Die Leute reden schon.
Unlängst schlich der Jäger heimwärts von seinem Rundgang. Er traf mich im Garten an und meinte glatt, mit einem süßlichen Lächeln hinter seinem schwarzen Vollbart, ob ich denn was arbeiten würde. Ich hatte gleich ein schlechtes Gewissen, weil außer den Brennnesseln, Himbeerruten und zwei mannshohen Ribiselstauden nichts von dem zu erkennen war, was wir gemeinhin als Garten bezeichnen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie ich mich geschämt habe, wie er da am Zaun lehnte und meinen Garten begutachtete.
"Das ist wohl ein Bio-Garten", grinste er süffisant.
Mit Sense, Wetzstein, hohen Stiefeln, Handschuhen und dicker Jacke gegen die Nesseln gerüstet marschierte ich gestern in den Garten. Ratsch. Ratsch. Nieder mit den Nesseln. Aber was sehe ich, Massen von schwarzen Raupen! Nein, nicht nur drei, vier oder fünf, auf einer Brennnessel. Hunderte ist noch untertrieben. Tausende Raupen, die die Brennnesseln in ein schwarz grün marmoriertes Feld verwandeln. Nieder mit Brennnesseln. Liebe Raupe, du musst mich verstehen. Die Leute reden schon über mich. Ich sei nicht imstande, einen Garten zu hegen. "Faule Haut", tuscheln die Spaziergeher. Mein Ansehen steht auf dem Spiel.
Raupe, bist mir bös, wenn ich die Brennnesseln jetzt endlich abmähe oder ausreiße? Ich hab' sie doch eh schon so lange stehen lassen. Verstehst?
Mit herzlichen Grüßen
Deine Rosenherz
Nach einer schlaflosen Nacht schreibe ich dir einen Brief. Ich weiß nicht, was ich tun soll, mit dir. Oder besser gesagt, mit den Brennnesseln, auf denen du haust. Das Ganze wäre ja problemlos, wenn du deine Wohnung außerhalb meines Gartenzaunes errichtet hättest. Aber nein, innerhalb des Gartenzaunes hast dich dich eingenistet. Auf den Brennnesseln, die zwischen den Himbeersträuchern wuchern. Jetzt, Anfang Juni, sind sie hüfthoch gewuchert und es ist höchste Zeit, der Wildnis innerhalb des Zaunes ein Ende zu bereiten.
Außerhalb ist es mir eh wurscht, wie es ausschaut. Da kann alles an Wildkräutern wuchern, die Disteln für die Distelfinken, der Thymian für die roten Ameisen, die Wildrosen für die Wildbienen, die Ampfer für den Ampferglanzkäfer, der Kerbel für die Schwebfleigen, aber drin, da soll wenigstens halbwegs gepflegt ausschauen. Es muss eh kein englischer Rosengarten sein, aber halt so wie es bei uns üblich ist in der Gegend. Normal eben.
Die Leute reden schon.
Unlängst schlich der Jäger heimwärts von seinem Rundgang. Er traf mich im Garten an und meinte glatt, mit einem süßlichen Lächeln hinter seinem schwarzen Vollbart, ob ich denn was arbeiten würde. Ich hatte gleich ein schlechtes Gewissen, weil außer den Brennnesseln, Himbeerruten und zwei mannshohen Ribiselstauden nichts von dem zu erkennen war, was wir gemeinhin als Garten bezeichnen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie ich mich geschämt habe, wie er da am Zaun lehnte und meinen Garten begutachtete.
"Das ist wohl ein Bio-Garten", grinste er süffisant.
Mit Sense, Wetzstein, hohen Stiefeln, Handschuhen und dicker Jacke gegen die Nesseln gerüstet marschierte ich gestern in den Garten. Ratsch. Ratsch. Nieder mit den Nesseln. Aber was sehe ich, Massen von schwarzen Raupen! Nein, nicht nur drei, vier oder fünf, auf einer Brennnessel. Hunderte ist noch untertrieben. Tausende Raupen, die die Brennnesseln in ein schwarz grün marmoriertes Feld verwandeln. Nieder mit Brennnesseln. Liebe Raupe, du musst mich verstehen. Die Leute reden schon über mich. Ich sei nicht imstande, einen Garten zu hegen. "Faule Haut", tuscheln die Spaziergeher. Mein Ansehen steht auf dem Spiel.
Raupe, bist mir bös, wenn ich die Brennnesseln jetzt endlich abmähe oder ausreiße? Ich hab' sie doch eh schon so lange stehen lassen. Verstehst?
Mit herzlichen Grüßen
Deine Rosenherz
rosenherz - 6. Jun, 12:22


