Der Schmatzer - Ein lauter Kuss auf den Mund, mit einem lauten Nachgeräusch, als ob man was schönes gegessen hat.
Der französische Kuss - Ein Zungenkuss, wo man die Zungen ganz tief hineinschiebt.
Der Früchtekuss - Man hält eine Frucht oder ein Stück Frucht (wie z.B. eine Weintraube) zwischen den Lippen und lässt sich dann das Fruchtstück vom Partner aus dem Mund essen.
Der Knutschfleckkuss- Ein sehr stark saugender Kuss, z.B. am Hals.
Der Knabberkuss - Ganz leichtes knabbern an den Lippen des Partners.
Der Überraschungskuss: Ein Zungenkuss der unter die Lippen des Partners geht.
Der Schluckkuss - Nehme einen Schluck eines süßlichen Getränks und lasse deinem Partner beim Küssen daran teilhaben.
Der Flüsterkuss - Ein Kuss, wo man ganz nah an den Lippen des Partners etwas flüsstert und sich die Lippen ab und zu dabei berühren.
Der Tigerkuss - Ein schneller Kuss auf die Lippen, um den Partner zu überraschen, so dass er sich nicht dagegen wehren kann.
Der Zungensaugerkuss - Ein Zungenkuss, wobei man die Zunge des Partner saugt.
Der Alltagskuss - Ein kurzer Kuss auf die Lippen, als ob man einen Verwanten zur Abschied auf die Wange küsst.
Der Vakuumkuss - Man küsst den Partner und saugt dann die Luft aus seinem Mund.
rosenherz - 5. Jan, 23:24
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Seit sie mit sich selbst eins geworden ist, kann er nimmer - mit ihr eins werden.
(c) Rosenherz
rosenherz - 5. Jan, 17:53
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Der Kusswalzer
Dieses alte Tanzspiel erfreute sich schon bei unseren Urgrosseltern allergrösster Beliebtheit. Während die Gäste einen Walzer tanzen, malt der Tanzmeister mit Kreide ein großes Herz in der Mitte des Saales auf den Fussboden. Alle Paare, die sich gerade in dem Herzen befinden, wenn die Musik aufhört, sind verzaubert und dürfen erst weitertanzen, wenn die Herren ihre Damen mit einem (Hand-)Kuss erfreut haben.
aus 347 lustige Gesellschaftsspiele von Roland Gööck, 1981, Mosaik Verlag
rosenherz - 5. Jan, 16:54
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Liebe Claudia!
Gewiss kenne ich sie, die dunklen Nächte der Seele. Diese Stimmungen, in denen ich mir verloren, verlassen oder ungeliebt vorkomme. Ausgelöst durch äußere Begebenheiten oder durch innere Prozesse der Selbsterkenntnis. Du fragst mich, worauf ich mich besinne, wenn ich ganz unten bin?
Fragst mich, was mir hilft in finsteren Stunden, Tagen oder Wochen wieder nach oben zu kommen?
Als Schulkind legte ich mich, wenn’s ganz dick daherkam, in der Scheune ins duftende Heu. Da konnte ich ungestört meinen Gedanken nachsinnen, ohne von den Eltern oder Geschwistern beäugt, befragt oder belästigt zu werden. Manchmal zog ich durch den angrenzenden Wald, streifte mit meinen Händen über die saftiggrünen Blätter der Buchen, atmete den Geruch des Waldbodens oder suchte nach Parasolpilzen und Täublingen. Manchmal legte ich mich unter herabhängende Äste junger Tannenbäume. Da fühlte ich mich - wenigsten für eine Zeitlang - geborgen unter schirmenden Zweigen.
Ein paar Jährchen älter geworden zieht es mich nimmer in Buchenwälder, wenn ich mich ganz unten fühle, sondern ich blättere in Büchern. Lese Geschichten, Sprüche, Märchen, Gedichte, die mich trösten oder inspirieren. Geschichten die auf Blätter gedruckt sind, die einst als Bäume im Wald über sich selbst hinausgewachsen sind. Ich kann mich tagelang verkriechen hinter einem Buch, wie ein Baumkäfer hinter der Rinde. Oft erforsche ich scheinbar Gegensätzliches: die Welt ist Schein - die Welt ist heilig, Petersilie ist giftig - Petersilie ist ein Heilmittel, Sex ist pfui - Sex ist göttlich. Bin ich nachher, nach dem Nachdenken klüger als vorher? Kann man diese Frage überhaupt so stellen? Nachher weiß ich bloß, dass ich nicht weiß, was die allgemein gültige Wahrheit wäre. Dann weiß ich bloß, Antworten können sowohl Gift als auch Heilmittel sein.
Im Laufe der Jahre erschloss ich mehrere Quellen, die mich in den schrecklich dunklen Nächten der Seele am Leben zu erhalten vermögen. Dabei lasse ich mich von meiner Intuition leiten. Bücher, Bilder, Farblicht, Briefe schreiben, Tanzen oder auch Musik können mir Quelle sein.
Gerne lege ich eine CD ein und erfülle meine Wohnung mit dem Wohlklang von Musik - Arabische Trommeln, Orchestra, Alpinrock, Klavier, Geige, Jazz, Chants, Worldmusik, Afrikanischer Gesang. Ich drehe die Lautsprecher auf, Töne und Melodien vibrieren in meinem Körper. Von der Leibesmitte ausgehend breitet sich ein wohlig warmes Gefühl in meinem Körper aus, während ich mich der Musik hingebe.
Manchmal ergebe ich mich der Dunkelheit. Ich lege mich ins breite Bett, das Gesicht nahe zur Wand, hülle mich bis über die Ohren in die Decke. Spüre meinen Atem, der warm aus der Nase strömt. Gekrümmt wie eine kleine Bohne liege ich unter der Decke, die mich warm birgt und ich imaginiere mich in einem Kokon wohnend, als Puppe eines schönen Schmetterlings.
Rosenherz
rosenherz - 5. Jan, 16:25
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... ja, ich schreibe meine texte zunächst mit einem füller und dann später mit dem pc. als füller benutze ich traditionell seit jahrzehnten den braunen pelikan kolben-callygraphiefüller mit der angeschrägten 0,7 mm callygraphiefeder und brauner pelikantinte. dieser füller und die tinte werden schon seit langem nicht mehr hergestellt und daher habe ich mir von beidem einen vorrat angelegt, der bis zu meinem lebensende reichen dürfte. ich habe allerdings in den zurückliegenden jahrzehnten viele füller geschenkt bekommen und auch gekauft. alles von der marke pelikan, weil ich in unmittelbarer nähe der pelikanwerke in hannover aufgewachsen bin. jeder zweite nachbar arbeitete bei pelikan. nun bin ich dabei, meine diversen sammlungen zu ordnen und zu reduzieren. daher habe ich schon einige füller und sonstige schreibgeräte über ebay verkauft.
ich wünsche ihnen ein gesundes und glückliches jahr 2007 und verbleibe
mit freundlichen grüssen
klaus-dieter b.
rosenherz - 5. Jan, 14:10
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Christof Stählin, Liedermacher und Essayist über den
Kurzschluß des Mundes mit dem Munde
Es ist ein Kurzschluß in dieser Frage, die mit dem Kuß selber eine unterirdische Verbindung haben muß, denn der Kuß ist der Kurzschluß des Mundes mit dem Munde selber, und zwar sowohl des eigenen mit dem eigenen als auch des fremden mit dem fremden, und dann noch beides doppelt durcheinander, nicht ohne daß das Fremde und das Eigene sich dabei auch selbständig machen und ohne den Mund auskommen könnten. Es wäre Sache eines Films, aus der Berührung zweier Münder dieselben Funken knistern zu lassen wie bei der kurzschlüssigen Berührung zweier elektrischer Pole, die bewirkt, daß der Strom nicht mehr weßiß, ob er jetzt daherkommt oder dahingeht, eine Unklarheit, die dem Kuß nicht fremd ist. Auch die Aufladungen und Erhitzungen dabei sind dieselben wie bei dem häuslichen Alltagsunfall, vor dem die Sicherungen uns schützen.
Das Wort Strom im elektrischen Sinn ist von Wasserläufen entlehnt, den alten Energiequellen. Als dritter Sinn des Wortes kommt zu Feuer und Wasser der Luftstrom als Vertreter des pneumatischen Elements. Es handelt sich dann im technischen Sinn um ein Gebläse mit Saug- und Druckluft. Wenn man aber ein Relais zwischen die unbeseelt-technische und die lebendig beseelte Welt, die der ersten ihren sprachlichen Geist eingehaucht hat, in Anschlag bringt und einschaltet (verstaubt und halb vergessen, aber vorhanden), dann führt das an unerwarteter Stelle zum Kuß.
Die Eskimos küssen sich mit den Nasen, und zwar, wenn man der übereinstimmenden Auskunft verschiedener Nachschlagewerke glauben darf, nicht wegen der höheren Sensibilität dieses Organs, sondern wegen des Austauschs der Lebensströme im Atem und damit der Geister, die durch den Mund aus und ein gehen. Der Atem, als das, was nach dem Tod auf einmal nicht mehr da ist, ist in der natürlichen Weltsicht das Leben selber, das man sich beim Küssen einhaucht und austauscht. Vielleicht — wie wollte man dem nachgehen? — ist der Kuß als Berührung der Münder in seinem magischen Ursprung ebenso als Austausch an der Mündung der Lebensgeister empfunden worden, eine spirituelle Mund-zu-Mund-Beatmung, von der die Begeisterung zweier Körper füreinander bis heute geblieben ist, nur eben nicht mehr durch die Luft, sondern über das Gefühl.
Es gibt eine ägyptische Darstellung des Königspaares Nofretete und Echnaton, die sich auf einem Streitwagen stehend küssen. Der Sonnengott Aton schickt von oben seine Strahlen auf die Szene, wobei jeder Strahl vorne mit einem Händchen ausgerüstet ist, um seine segnende Wirkung zu entfalten. Ein solcher griffbegabter Strahl streckt das Lebenszeichen zwischen die Münder des Paares, die sich nicht oder noch nicht berühren, um ihm Platz zwischen sich zu lassen. Das ägyptische Wort für "Küssen" steht auch für "Riechen", also die sinnliche Wahrnehmung beim Atmen, und so wird auf diese Weise das Lebenszeichen im Bild gleichsam zum Kuß selber: Ich kann dich riechen, du bist mein Leben.
Das eskomoische Kußorgan der Nase ist beim Undkuß zwar störend im Wege, ist aber gerade als Hindernis wichtig. Denn sie macht eine wechselseitige Drehung der Köpfe notwendig, und spielt damit die gleiche Rolle wie das Kreuz bei einem alten Anker. Das war eine Art Sperrstange, die auf einer Frontalansicht nur als Punkt erscheint, weil sie wie eine Nase zum Betrachter hin aus dem Bild herausragt. Sie war dazu da, das bloße Entlangschleifen des Gerätes auf dem Meeresgrund zu verhindern, um es wie einen Kopf beim Kuß zu verdrehen und den Bogen mit den Schaufeln daran so aufzustellen, daß dieser sich in den weichen Grund eingraben und damit den stabilisierenden Zweck erfüllen konnte, der dem ganzen Vorgang zu seiner Berechtigung verhalf. So verankern uns auch die Nasen beim Kuß, indem sie uns Sicherheit geben. Nur küssend wissen wir ganz genau, daß und wie wir den Mund halten sollen.
Nur eben, daß beim Kuß wiederum zwei Anker miteinander zu tun haben, zwei Meeresgründe aufgewühlt werden, und jeder Mund beides ist. Es ist wie beim Siegeln: der Mund ist der weiche, warme Siegellack und das Petschaft in einem. Der Wärme des Materials steht die kühle Prägung der Gravur gegenüber, und tatsächlich: der Mundkuß als bedeutungsvoller Akt der Besiegelung und als Signal für Bündnis und Zusammengehörigkeit ist so alt, wenn nicht älter als unser so ganz erotisch geprägter Begriff davon. Wo er uns heute am harmlosesten scheint, war er früher am heiligsten; mit seinem sexuellen Gewicht im öffentlichen Bewußtsein ist es, historisch gesehen, nicht weiter her als mit dem Gewicht der Sexualität im Bewußtsein der Öffentlichkeit, also nicht sehr weit. Als Requisit körperlicher Liebe hat er sich, gesellschaftlich gesehen, in unserem Kulturbereich aus der Intimität des Inneren an das Allgemeine ausgestülpt wie der Mund selber aus dem Körper, als wäre es zur Selbstwahrnehmung einer gefühllos-anonymen Öffentlichkeit durch Kontakt mit ihren inneren Bestandteilen.
Der Kußmund als Abdruck, dieses faltenreiche rote Lippengespenst aus dem Reiche der Aufklebbarkeit, wirkt aus dem Sinnlichen schon wieder zurück auf das Symbolische, wo der Kuß früher viel mehr zu Hause war als heute, um Zuneigung, Sympathie und Bevorzugung vor anderen zu bedeuten, wie sie durchaus auch einer ganzen Stadt gelten können, als wäre sie eine Person, etwa Bonn. Im Kuß, wo sich so vieles verschränkt, verschränkt sich auch ein Symbol für körperliche Liebe mit der körperlichen Liebe als einem Symbol. Symbol für "Ich lehne dich nicht ab", was über die Welt eines Liebespaares, vom Personalstand her gesehen, weit hinausweisen kann.
Den Lebensatem zu teilen, das taten auch zwei Häuptlinge stellvertretend für ihre Völker, indem sie die Freidenspfeife rauchten. Sie wanderte von einem zum andern und war wie ein Kuß zum Anfassen und Weiterreichen, eine Besiegelung unter aufsteigendem Rauch von großer Heiligkeit und Bedeutung.
Eine Zigarette zusammen zu rauchen, das kann selbst noch in unserer profanen Welt mehr bedeuten als Entspannung und Nikotingenuß. Sogar Rauchen allein, mit all der Lippentätigkeit dabei, ist unschwer als etwas Erotisches aufzufassen. Noch mehr: auch das Rauchverbot, in einem Großraumbüro etwa, ist noch ein Hinweis auf die Luft, die wir noch alle gemeinsam atmen, wenn sich dabei auch die Bedeutung des Nichtrauchens in die frühere des Rauchens verwandelt hat.
(Quelle: Christof Stählin, Liedermacher und Essayist, wendet sich vorzugsweise Gegenständen zwischen Poesie, Geschichte und Physik zu. Seine Aufsätze sind verlegt bei Haffmans, Zürich.
Redaktion: Ruprecht Skasa-Weiß)
rosenherz - 5. Jan, 12:06
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DIE VERSÖHNUNG
Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen
Wir wollen wachen die Nacht,
In den Sprachen beten,
Die wie Harfen eingeschnitten sind.
Wir wollen uns versöhnen die Nacht –
So viel Gott strömt über.
Kinder sind unsere Herzen,
Die möchten ruhen müdesüß.
Und unsere Lippen wollen sich küssen,
Was zagst du?
Grenzt nicht mein Herz an deins –
Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.
Wir wollen uns versöhnen die Nacht,
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.
Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen.
Else Lasker-Schüler
rosenherz - 5. Jan, 12:03
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Christof Stählin, Liedermacher und Essayist über den Kuss:
Man spürt nur, was man weiß
Ein Kuß ist immer aus zweierlei zusammengesetzt, auch aus einem Symbol und einem Reiz. Aber es müßte sich um ein anderes Thema handeln, wenn nicht auch noch diese zwei an wenigstens einer Stelle verschmelzen könnten. Und tatsächlich, ein Kuß würde seine Wirkung auf Leib und Seele kaum entfalten, wäre nicht das Bewußtsein seiner Bedeutung mit ihm verbunden. Für Bildungsreisen heißt es: Man sieht nur, was man weiß! Für das Küssen: Man spürt nur, was man weiß! Das ist also das Sinnliche beim Küssen, was somit als Symbol stehen mag für die Möglichkeit sinnlichen Wissens überhaupt. Diese ist so wenig populär wie die Idee, daß sich beim Kuß eben nicht irgendein biologischer Reflex einschaltet, sondern daß sich das wechselseitige Bewußtsein steigert, körperlich fühlbar und zur Lust wird, die nicht mehr mit ihm auseinanderzudividieren ist.
Das ist schwer nachzuweisen, zu widerlegen allerdings auch nicht, allenfalls könnte der Kuß, als Lust des Bewußtseins verstanden, in den Bereich der Spekulation verwiesen werden. Aber Spekulation heißt wiederum nichts anderes als Spiegelung, und eben darum, um Spiegelung ineinander, handelt es sich bei einem Kuß.
"Ich weiß, daß du weißt, daß ich weiß, daß du weißt ...", das verschwimmt mit "Ich spüre, daß du spürst, daß ich spüre, daß du spürst ..." ins Unauflösliche, und es ist eben der Kuß der Ort, vielleicht der einzige, wo etwas ins Präzise verschwimmen kann. Stellt man zwei Spiegel gegenüber, oder legt sie vielmehr mit dem Flächen aufeinander, damit kein störender Kopf sich zur Beobachtung dazwischenschieben kann, so entsteht der wohlbewußte Korridor aus wechselseitiger Wiedergabe, der ganz und gar der Empfindung der spielenden Lippen entspricht, sowie der fulminanten Ausweitung des Bewußtseins darbei. Ein Kuß ist kein geistloser Vorgang, in seinen pneumatischen Ursprüngen schon gar nicht. Es hat aber dasselbe Mittelmeer, von dessen sinnlicher Umrandung so viele liebende Küsse überliefert sind wie sonst von nirgends, eine Art des Denkens hervorgebracht, die den Körper von allem Geistigen mit wahrer Leidenschaft auseinanderdividiert. So ist der Kuß, und mit ihm alle körperliche Sinnlichkeit, seiner geistigen Dimensionen für unser Bewußtsein beraubt. "Das Wort ward Fleisch", diesen Kernsatz unserer Religion auf einen Kuß anzuwenden, erscheint als schlimme Blasphemie, und doch ist die Bibelstelle nirgends besser eingesetzt als überall dort, woe die Wahrheit und Wirklichkeit von Worten gleichzeitig ausgehängt und fühlbar gemacht wird durch einen lebendigen Körper.
Als Riga seinerzeit russisch wurde, soll auf dem Rathaus ein Empfang gewesen sein, wo die Honoratioren der Stadt auch den orthodoxen Archimandriten durch Kuß seines Ringes ehrten. Anders der evangelische Geistliche, der dem hohen Kollegen nur aufrecht die Hand gab. Zur Rede gestellt, bemerkte er: "Wir Lutheraner küssen nur Lebendiges, und das nur in Auswahl!"
Daß sich alle Menschen zu allen Zeiten und immer so geküßt hätten wie wir, wenn sie sich liebten, das setzen wir selbstverständlich voraus, nur weil wir uns so schwer vorstellen können, darauf zu verzichten. Frühere Kulturen, sofern ihre Überbleibsel in Dichtung und Darstellung den Kuß aussparen, könnten von selbstverständlicher Diskretion angehalten gewesen sein. Sich zu küssen, galt und gilt zum Beispiel in Ostasien als so intim, daß es öffentlich völlig undenkbar wäre. Man braucht sich auch bloß zu erinnern, wie viele Liebesabenteuer der Dichter Homer seinem Helden Odysseus nahegelegt und wie wenig er sie beschrieben hat. Da weiß man also oft nichts, was die Sitte des Küssens in der früheren Welt angeht, könnte aber von ihr ausgehen. Andererseits spricht vieles dafür, daß unsere Art des Küssens erst in der Neuzeit ihre weltweite Verbreitung zusammen mit der europäischen Zivilisation gefunden und sich gleichsam durch Ansteckung ausgebreitet hat. Denn die Reiseschilderungen der Entdeckungszeit kennen manche exotische Geliebte, die auf das Ansinnen eines Mundkusses nur befremdet, empört oder mit belustigtem Kichern reagierte.
Wie im Großen der Welt, ist es im Kleinen in der deutschen Sprache, wo ein ganzes Arsenal lautmalerischer Worte für den Kuß in farbigen regionalen Variationen zur Verfügung stand, die aber alle von dem einen Wort Kuß in den Schatten gestellt wurden. In jedem Fall spielt das Geräusch beim Küssen eine große Rolle für seine Bezeichnung und gibt somit einen Hinweis darauf, wie der Kuß mit einem hörbaren Signal an die Umwelt bei uns verbunden war und damit größere Diskretion überflüssig machte, bevor sein Platz und Begriff von den verschwiegeneren und weniger augenblicklichen Varianten der Sitte eingenommen wurde.
Das verstärkte S am Schluß vom Kuß geht übrigens nach Auskunft eines wortgeschichtlichen Lexikons zurück auf "Intensivierungs-Gemination", also auf Steigerung durch Verdoppelung. Und tatsächlich, ein "Kus" wäre nicht ganz das. Mit den Buchstaben passiert also dasselbe wie mit den Lippen und den Mündern. Beim Kuß tritt wirklich alles zweifach auf und spiegelt sich alles in allem.
Präzision des Verschwimmens und Verdopplungszauber
Ein Pendel, wenn es schnell genug schwingt, kann isch unsichtbar machen. Das Auge nimmt dann nichts mehr von ihm wahr als einen fächerförmigen Schatten in der Luft. Aber an den Umkehrpunkten zwischen hin und her muß es wieder erscheinen, da kann es sich noch so sehr beeilen. Das ist die zauberhafte Wirkung der Intensivierungs-Gemination, das ist die Verdoppelung in gegenseitiger Aufhebung, das ist der Kuß. Jedes Kind kennt dieses Gefühl der Schmetterlinge im Bauch, wenn es auf der Schaukel sitzt und ganz oben für einen Moment zum Stillstand kommt. Da wirkt die eigentümliche Präzision des Verschwimmens, da weiß man nicht mehr, ob man jetzt daherkommt oder dahingeht, ob nicht alles schon einmal da war. Es sei an die Stelle mit dem Kurzschluß erinnert, wobei unklar bleibt, ob es sich dabei um eine andere oder um ein und dieselbe Erscheinung handelt. Alles in allem: wie beim Kuß.
"The bow of Love" kommt oft in alten englischen Liebesgedichten vor, Amors Bogen also, und was ist damit gemeint? Nichts anderes als der obere Rand eines hübschen Mundes. Er schwingt sich in die Höhe bis zur Mitte, wo er unter der Nase einer kleinen konkaven Gegenfigur Platz macht, um auf der anderen Seite spiegelbildlich wieder abzugleiten und mit dem Mundwinkel auf der Wange zu landen. Amors Bogen lächelt, bevor er gespannt wird, ein sinnfälliges Abbild für alles, was sich anspannt, bevor es sich entlädt. "Doppelreflexbogen" heißt diese Form in der Schießtechnik, die in der Kulturentwicklung den einfach gespannten Stab abgelöst hat und, wer weiß, vielleicht mit dem liebenden Kuß gleichzeitig aufgetaucht ist, was kein Wunder wäre. Es sind die Reflexe der beiden ineinander verquickten Kurvenbögen, die sich auf den ersten Blick aufzuheben scheinen, in Wirklichkeit aber steigern, während sie die Mühe des Anspannens in gleichem Maße verringern. In der Kunst des dialektischen Argumentierens wäre es das ins Argument schon mit einbezogene Gegenargument, was die Gegenkurve im Bogen der Rede ausmachte, als hätte der Gegner seine Waffe dorthin abgegeben. Das entfaltet eine schwer zu widerlegende Wucht, denn alles, was man dagegen sagen könnte, ist schon darin selbst enthalten. So war es auch immer das werbende Liebesbegehren, das sich Argumente suchte, die sich die Gegenvorstellungen der Umworbenen zu eigen machten. "Es war, als hätt der Himmel/ Die Erde still geküßt ...", so beginnt eines der bekanntesten deutschen Gedichte. Wer kennt den Rest? Der Kuß spielt die leuchtendste Rolle in der Erinnerung, die zarte Stelle zu Beginn, an der dem Ganzen das Leben eingehaucht worden ist. In Regensburg erklärte ein junger Domführer, wie die mittelalterlichen Baumeister diese farbigen Fenster geplant und gebaut hätten als Stelle der Berührung des ewigen himmlischen Lichtes mit der irdischen Materie, zur aufblühenden Leuchtkraft der zerbrechlichen Vergänglichkeit. Es ist der Kuß. Die zarten roten Häute, die wir auf den Mündern tragen, illuminieren unsere Innenräume im gleichen Sinn.
Das Abendland ist unter zweierlei Himmeln aufgewachsen: dem Eysium der hednischen Antike, wo es Küsse förmlich regnet, und unserem christlichen paradies, in dem die Münder preisen, frohlocken und Manna essen, aber nicht küssen. Gibt es denn gar keine Berührungsstelle zwischen diesen zwei Arten von jenseitigem Glück?
Und wenn es sie gibt, muß sie dann so aussehen wie auf der kösterlichen Wandmalerei in Schwäbisch Gmünd, wo die siegreiche Maria hoch aufgerichtet den Amorknaben mit einer langen Stange aus dem Himmel davonstochert, daß er heulend kopfüber abwärts trudelt?
Vergangenheit und Zukunft verschmelzend in Gegenwart
Noch strenger geschieden als unsere beiden Himmel sind zwei Abteilungen, deren Trennung die wahre Hauptstütze aller Verständigung bildet: Vergangenheit und Zukunft, deren jeweils eine im Lauf der Geschichte, je nach Überzeugung, Zeitgeist und Sehnsuchtsrichtung, aber immer verfälschend, zum Himmel ausstaffiert worden ist. Der Ort liebenden und stummen Einverständnisses, den diese beiden sich geschaffen haben, indem sie die Münder aufeinanderlegten, ist die Gegenwart, die bei jeder Nachahmung so deutlich spürbar wird, beim Kuß, dem Inbegriff aller Vorgänge, die ihrer Zeit weder hinterherhinken noch ihr voraus sind. Es handelt sich um dies geheimnisvolle Hier und Jetzt, zur Zeit als Gegenstand intensiver Nachfrage und Nachfrage nach Intensität in aller Munde. Es wird anderen Aktualitäten Platz machen müssen, wirken doch die Begriffe des Hier und Jetzt auf den Genuß der Gegenwart nicht anders als der doppelte Mundschutz im OP-Saal auf den Kuß von Pfleger und Krankenschwester.
Die Rechtzeitigkeit ist nicht nur der, sondern auch das entscheidende Moment beim Zusammentreffen von Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart. Sie ist "la belle alliance" auf dem Schlachtfeld der Vergänglichkeit, zum Sieg über die Tyrannei zeitlicher Entfremdung, die ihrem Reich alles einverleiben will.
"Er küßte sie auf ihren Mund, sie küßte ihn zur selben Stund", so heißt es in einer naiven Ballade, und immer ist eine Mischung aus Raunen und Iichern die Reaktion des Publikums. Das Phantom der Zukunft und der tote Körper des Gewesenen, im Kuß hauchen sie sich Leben ein, und die hundertjährige Erstarrung aus dem Märchen von Dornröschen wird zunichte: Die Fliegen an der Wand summen, der Koch ohrfeigt den Lehrling, die Milch läuft über, wie wenn nichts gewesen wäre. Küsse überbrücken Jahrhunderte.
Der naive Balladendichter wollte wahrscheinlich nichts Tiefsinnigeres, als einen Reim auf "Mund" zu finden, und fand eben die "Stund" passend. Aber jetzt steht das Reimpaar auf einmal da, als ob es nie getrennt gewesen wäre, und keiner fragt mehr, wer eher da war. Die zwei Worte reimen sich wie eine Oberlippe auf eine Unterlippe: ähnlich, aber nicht gleich, und doch in ein und denselben Mund aufeinandergelegt zur Berührung mit anderen Zeiten und Mündern.
Die Reime flössen ihm gleich paarweise in die Feder, so schrieb ein verliebter Dichter einem Freund, um seinen Zustand zu beschrieben. Alles stellt sich da auf einmal ein, alle sind auf einmal da, und mit einem Kuß kann nachprüfen, wer will, ob er nicht auch auf einmal da ist.
Einen Ort hat sich der menschliche Geist geschaffen, an dem alle auf einmal da sind, an dem man sich also auch mit allen wiedertreffen kann, und seien sie noch so lange tot. Der Dichter Günther, dem damals die Reime paarweise in die Feder flossen und der nun tot ist seit mehr als dreihundert Jahren, konnte sicher sein, als Neuankömmling im Elysium von dem Dichterfürsten Petrarca — von Goethe wußte er einfach noch nichts — mit offenen Armen empfangen zu werden. Hat er ihm etwas mitgebracht?
Sehr wohl. Und so klärt sich zuletzt auch die Frage, ob man Küsse aufheben könne als stille Reserve für spätere Zeiten. Der Dichter Günther nämlich hat einen Vorrat von Küssen seiner Leonore in den Himmel mitgenommen (sofern sie nicht das waren, was ihn dorthin versetzt hat) und läßt nun Petrarcen gleichfalls einen kosten. Im Kuß heben sich ja die Zeiten auf und lassen die Umarmung früherer Dichter zu. Petrarca also wird durch diese Speise von nicht gekannter Sehnsucht entflammt und rast wie angestochen durchs Paradies, um alle anderen auch noch mit seiner Lust anzustecken.
(Quelle: Christof Stählin, Liedermacher und Essayist, wendet sich vorzugsweise Gegenständen zwischen Poesie, Geschichte und Physik zu. Seine Aufsätze sind verlegt bei Haffmans, Zürich).
rosenherz - 5. Jan, 11:33
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"Der Kuß"
Von Christof Stählin, Liedermacher und Essayist
"Embrasser", diese französische Bezeichnung des Küssens, heißt wörtlich "umarmen", wobei der Kuß in der Umarmung inbegriffen ist wie das Frühstück in der Hotelunterbringung und sich eben dadurch von der Mitteilung andeutend ausspart, genauso, wie das Wort "baiser" (küssen) in der Umgangssprache die nächste und höchste Stufe der körperlichen Annäherung diskret umschreiben kann.
"Die ganze Welt ging ein durch den Mund des Knaben", so heißt es bei der Schilderung eines Kusses im indischen Götterepos Mahabharata, zur Bezeichnung der weltumspannenden Generosität in dieser Geste, durchaus im Sinne von Universum, weniger im Sinne von Universität. "Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt!", das ist in unserer Kultur genau das Umgekehrte, sonst würde es heißen: "Millionen (Menschen) der ganzen Welt, kommt her und laßt euch alle in diesen Kuß zusammenfassen!" Wo läge die Berührungsstelle der indisch-sinnlichen und der deutsch-idealistischen Auffassung von einem Kuß, damit sie mindestens an dieser Stelle auf ein und dasselbe hinausliefen? Ein Kuß heißt so viel, weil er so viel heißen kann, er vermittelt derart umfassendes Wissen, daß er von anderen Arten der Mitteilung absolut nicht einzuholen ist. Ein Finger, auf den Mund gelegt, bedeutet Schweigen, und noch ist niemand anderes nötig, um sich so auszudrücken. Einen Mund auf einen Mund zu legen aber, dazu genügt ein Mensch nicht mehr, das Schweigen ist definitiv. Um die Bedeutung des Vorganges zu erfassen, muß man sich trennen von allem, was das Wort Bedeutung bisher bedeutet hat. Das war: ein Zeichen steht für etwas, von dem es selbst nicht erfaßt ist, etwas mehr oder weniger Fernes. Ein Kuß aber findet weit jenseits aller Ferne statt. Er ist ein Bote, von dem es heißt, er habe etwas von der Majestät auszurichten und der entsprechend empfangen und eingelassen wird. Dann plötzlich stellt sich der Bote selber als die Majestät heraus, wenigstens für einen Moment, was für alle Beteiligten durchaus nicht leicht zu begreifen ist.
Es ist mit dem Kuß eine Irritation der Gefühle verbunden, durch die doppelte Verschränkung des Inneren mit dem Äußeren und des Symbolischen mit dem Gemeinten, und selbst ein ausgefuchster Logiker kann noch aufs glatteis geführt werden durch die unschuldige Frage, ob das Verspürte bei einem Kuß eigentlich die fremden oder die eigenen Lippen seien.
(Quelle: Christof Stählin, Liedermacher und Essayist, wendet sich vorzugsweise Gegenständen zwischen Poesie, Geschichte und Physik zu. Seine Aufsätze sind verlegt bei Haffmans, Zürich.
Redaktion: Ruprecht Skasa-Weiß)
rosenherz - 5. Jan, 11:30
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