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Montag, 2. Januar 2006

Eine Beobachtung

Manche ertränken nachts ihr Sehnen nach Liebe mit einem Besäufnis, kotzen in den Morgen und wissen nicht, was sie mit dem angebrochenen Tag wollen.
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Brief an meine Mutter

Liebe Mama!

Jahrestag. Du hast überlebt. Weißt du noch, vor rund einem Jahr? Natürlich, wie könntest du das vergessen! Du hattest drei Tage vor deinem Geburtstag die Diagnose Krebs gestellt bekommen.

Ich erfuhr es, als ich Vera besuchte. Sie öffnete mit geröteten Augen und verrotzter Nase die Tür und ich, amüsiert von einem vorweihnachtlichen Stadtbummel, fragte scherzhaft, ob sie denn schon wieder verschnupft sei. Zwei Minuten später fühlte ich mich, als wäre mir der Fußboden unter den Füßen weg gebrochen und in die Tiefe gestürzt.

Als zum ersten Mal das Wort Totalamputation fiel, weinte dein Lebensgefährte neben dir im Krankenhaus.. Du hast rasch eingewilligt, die Knoten mitsamt der ganzen Brust wegzuschneiden, in der wagen Hoffnung, dir damit eine Chemotherapie zu ersparen.

Ich recherchierte im Internet, kaufte und las Bücher zum Thema, las mich durch hunderte Erfahrungsberichte Krebskranker, telefonierte mit Frauen, von denen ich wußte, dass sie vom gleichen Schicksal betroffen gewesen waren und erkundigte mich nach Ärtzen, Therapien und Selbshilfegruppen für dich. Wir redeten miteinander, statt aneinander vorbei. Ich versprach, dir zur Seite zu stehen und dich zu den Terminen im Krankenhaus zu begleiten. Als es dann soweit war, kotzte ich mein ganzes Elend deiner Diagnose aus mir heraus. Sterbenselend hing ich am Bettrand - und musste selbst um Hilfe bitten. Ich besuchte dich wochenlang nicht, nicht Mal in den Tagen nach der Operation, obwohl du dir sosehr meine Nähe gewünscht hattest. Es fiel mir unendlich schwer, den Kontakt zu dir und der Familie zu meiden. Aber ein Besuch von mir hätte dich an den Rand des Todes zu bringen können, durch die Virusgrippe, an der ich erkrankt war.

Knapp ein Jahr ist inzwischen vergangen. Du hattest dir gewünscht, ich sollte bei dir stehen, wenn du dir zum ersten Mal die Narben im Spiegel anschaust. Ich war da. Du weintest. Und zugleich meintest du, es wäre dir eh nicht leid um deine Brust, denn sie sei eh nur eine Kleine gewesen. Mich traf bei deinen Worten fast der berüchtigte Schlag! Meinst du, weil du eine vergleichsweise kleine Brust hattest, wäre nicht schade darum?

An manchen Tagen des Jahres richtete ich meine Termine so ein, dass ich dich anschließend besuchen konnte, dir Rücken und Hände mit einem duftenden Öl bestrich oder mich zu einem von dir so geliebten Spaziergang zu zweit aufraffte.

Unlängst saßen wir Frauen beisammen, du, deine jüngste Tochter, deine einzige Enkeltochter und ich. Wir feierten dich und deinen Geburtstag. Dazu lud ich euch in mein Zimmer ein, wo ich warm eingeheizt und Kerzenlicht angezündet hatte.
In der gemütlichen Atmosphäre erzählten wir einander von unserem Leben - so offen und unbekümmert wie Frauen eben sein können. Beim Kärtchenfragespiel zogst du die Frage „Worüber hast du dich im abgelaufenen Jahr am meisten gefreut?“ und fandest, es war die Fürsorge deines Lebensgefährten in der Zeit rund um die Operation. Bald danach stiegen dir Tränen in die Augen. Im leisen Schluchzen brach es aus dir hervor, du sehnst dich nach zärtlichen Händen deines Lebensgefährten, nach Umarmungen und warmherzigen Berührungen. Das hätte ich nie gedacht, das einmal aus deinem Mund zu hören!

Mama? Mama, wirst du mein Sehnen jetzt verstehen können? Wirst du verstehen, wie sehr ich mich freue, von demjenigen berührt und umarmt zu werden, der mich unlängst zärtlich Elendigliche nannte?


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